verschiedene Wecker, Antik-Optik

Tickst du richtig?

„Du tickst wohl nicht ganz richtig“ ist keine nette Bemerkung, die sich die meisten von uns schon einmal oder auch mehrfach anhören mussten. Die Allegorie gefällt mir dennoch, deshalb verwende ich sie.

Warum aber „ticken“ manche Menschen so ganz anders als die Mehrheit? Bezogen auf ihr Denken und Empfinden, aber auch hinsichtlich ihrer Prioritäten im Leben. Anzusehen ist ihnen das zumeist nicht, dennoch ist es da: das Anderssein, das Sich-fremd-Fühlen.

Was steckt aus psychologischer Sicht hinter dem Anderssein, hinter gewolltem und ungewollten Außenseitertum? Gibt es Wesensmerkmale, in denen sich Einzelgänger ähneln?

Heißt anders ticken auch falsch ticken? Dann hieße die Lösung, sich anzupassen, um nicht als Sonderling aufzufallen. Aber mit welchen Folgen für das eigene Ich? Schließlich ist die Akzeptanz von persönlichen Stärken und Schwächen unabdingbar für ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben. Und sind nicht ohnehin alle Menschen Individuen, sodass die Frage nach dem Anderssein höchstens eine graduelle ist?

Anderssein auf anderseitig – unverstellt anders

Das sind einige der Fragen, die ich mit anderseitig beleuchten möchte. Ich schreibe nicht „beantworten“, denn dazu bin ich nicht befähigt, dazu reichen meine knapp 13 Semester Sozialpsychologie-Studium längst nicht aus. Komplexen Themen – und die menschliche Psyche ist hochkomplex – kann man sich nur annähern, ganz verstehen wird man sie selbst mit viel Wissen und Erfahrung nie. Zu viel Individuelles spielt mit hinein, und natürlich auch die persönliche Sicht.

Ich bemühe mich, meine Meinung als solche zu kennzeichnen und ansonsten den Blickwinkel so gut es geht neutral zu halten bzw. verschiedene Betrachtungsweisen zu berücksichtigen, trotzdem kann ich nicht ausschließen, dass mir vereinzelt eine absolute Aussage herausrutscht. Klar ist: Patentrezepte gibt es nicht (auch wenn manche Ratgeber-Bücher ober -Blogs das nahelegen). Was ich hier schreibe, wird nie auf alle „Andersmenschen“ zutreffen. Und auch ein zunächst gleich erscheinendes Probleme ist nie haargenau dasselbe, abhängig von demjenigen, der sich damit konfrontiert sieht.

Mit anderseitig verfolge ich die Absicht, zur Aufklärung beizutragen. Nicht-Betroffenen möchte ich näherbringen, wie ihre ruhigen, sensiblen Mitmenschen ticken, die von ihnen meist als schwer einzuschätzen und distanziert wahrgenommen werden. Vielleicht fällt es so leichter, Verständnis für Verhaltensweisen aufzubringen, die oberflächlich betrachtet unhöflich oder absonderlich wirken. Betroffene will ich ermutigen, sich mit ihrer Art zu sein auseinanderzusetzen und anzufreunden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig Selbstreflexion und Selbstannahme sind. Wenn ich von „Betroffenen“ schreibe, klingt das so, als würden die, die gemeint sind, unter einer Störung oder Krankheit leiden, was in den meisten Fällen natürlich totaler Unsinn ist. Dennoch verwende ich den Begriff der guten Verständlichkeit halber.

Was ist normal?

Zurück zu dem Punkt, ob Anderssein vielleicht ein überflüssiger Begriff ist, weil jeder Mensch eine einzigartige Persönlichkeit besitzt. Letzteres stimmt natürlich. Allerdings hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, einen Blog mit Namen anderseitig zu gestalten, verträte ich die Meinung, alle Menschen wären mehr oder weniger gleich. Gleichwertig selbstverständlich, darüber gibt es nichts zu diskutieren. Aber von ihrer mentalen Ausstattung her sind Menschen extrem unterschiedlich, und das vollkommen unabhängig von biologischen Merkmalen. Es gibt einen Normbereich und es gibt starke Abweichungen sowie jede Menge dazwischen.

„Normalität“ ist ein wandelbares, mehrdimensionales Kontinuum, mit einem „Hügel“ in der Mitte, wo sich die Mehrzahl der Bevölkerung befindet, und Ausläufern zu den Seiten hin. Mehrdimensional deshalb, weil Konformität und Abweichung in verschiedenen psychischen und sozialen Teilgebieten vorkommen. Wandelbar, weil es stark kulturabhängig ist, was in einer Gesellschaft als „normal“ und üblich empfunden wird. In der modernen westlichen Kultur ist „normal“ fast schon ein Schimpfwort. Auf der anderen Seite besitzt jede soziale Gruppierung ihre eigene Normalität und Ideale, die teils vehement verteidigt werden. Dennoch lässt sich so etwas wie ein kleinster gemeinsamer Nenner als gesellschaftlicher Konsens ausmachen in den Bereichen, die für unser Thema relevant sind, u. a. Offenheit/Kontaktfreudigkeit, Bedürfnis nach Nähe/Distanz, Sensibilität der Wahrnehmung, Spontaneität vs. Routinen. Bezogen auf z. B. Intro- und Extraversion bedeutet das: Der allgemeine Trend geht ziemlich eindeutig in Richtung Extraversion, was stärker Introvertierte automatisch in den Randbereich dessen, was „normal“ ist, drängt.

Zwischen Norm und Störung

In den Übergangsbereichen sind neben Introversion autistische Züge (Broader Autism Phenotype) und Hochsensibilität (HSP = High Sensitive Person) angesiedelt. Wesensmerkmale und Charaktereigenschaften, die weder Behinderung noch Krankheit sind, obwohl in der Realität mitunter so damit umgegangen wird. Wie zurückhaltende, sensible Menschen wahrgenommen werden, hängt jeweils ab vom gesellschaftlichen Ideal, wie ein Mensch zu sein hat. In früheren Jahrzehnten sind Extravertierte unangenehm aufgefallen. Wenn ein Schüler den Unterricht minimal störte, drohte ihm der Rohrstock, als der abgeschafft wurde Eckestehen oder Nachsitzen. Schon in meiner Schulzeit, in der noch der Frontalunterricht gang und gäbe war, galt es als Manko, ein ruhiger Schüler zu sein, wurde aber weitgehend toleriert, solange die schriftliche Leistung stimmte. Heute reichen gute Noten in Klassenarbeiten längst nicht aus. Der gesamte Unterricht ist auf gemeinsames Lernen und sich präsentieren können ausgerichtet. Wem da die nötigen kommunikativen und sozialen Kompetenzen fehlen, der hat einen schlechten Stand.

„Das bildest du dir nur ein.“

Häufig werden Eigenschaften wie autistische Züge und Hochsensibilität als Modeerscheinungen, Einbildung oder Wichtigmacherei abgetan. Das muss nicht immer böse gemeint sein, gerade wenn entsprechende Sätze von Menschen stammen, die es eigentlich gut mit einem meinen. Oft spiegelt sich darin eine gewisse Hilflosigkeit wider. Dann kommen Sprüche wie „Ach, das geht mir manchmal ähnlich, das gibt sich wieder.“ Das liegt daran, dass Menschen in Gesprächen intuitiv versuchen, Gemeinsamkeit herzustellen. Das Abwiegeln dient dazu, die Andersartigkeit des Gesprächspartners, des Freundes, Kollegen oder Verwandten als nicht so gravierend einzuordnen. Der Sprecher sagt implizit: „Du bist okay, wie du bist.“

Keineswegs nett gemeint ist es, wenn empfundene Andersartigkeit als bloße Einbildung oder Übertreibung heruntergespielt wird. Nach dem Motto, man sei zu empfindlich, würde sich anstellen und müsse sich einfach mehr zusammenreißen … Hallo? Noch mehr? Ihr Normalsensiblen habt ja keinen Schimmer, wie sehr sich unsereins ohnehin ständig zusammenreißt. Nur weil die Mehrheit etwas nicht nachvollziehen kann, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert.

Skeptizismus ist das Privileg derjenigen, die nicht betroffen sind.

Adam Nevill, Der letzte Tag (Roman, 2013)

Ähnliche Mechanismen liegen häufig den Diskussionen über das Asperger-Syndrom als Modeerkrankung zugrunde. Wobei die (evtl. selbst gestellte) Asperger-Diagnose einen gewissen Reiz zu beinhalten scheint, gern ausschließlich mit den positiven Aspekten sowie bestimmten Klischees verknüpft: das kühle Genie, der kreative Unangepasste … Aber bei den allermeisten „Verdachtsfällen“, die viele Anläufe und eine oft jahrelange Wartezeit in Kauf nehmen, dürfte nicht notorischer Drang zur Selbstdarstellung, sondern erheblicher Leidensdruck die Ursache sein, eine Diagnostik anzustreben!

Warum aber dieses geradezu reflexhafte Abwiegeln und Wegdiskutieren? Ich erkläre mir das so: Die meisten Menschen wollen individuell und besonders sein, können es aber nur schwer ertragen, wenn jemand von seinem inneren Wesen so ganz anders ist als sie selbst. Wenn sie eine Abweichung anerkennen, dann soll diese doch bitteschön als Krankheit oder Defizit gelten. Die eigentliche Ursache, warum sich immer mehr Menschen als besonders sensitiv und anders als die Masse erkennen, liegt sicher zum Teil darin begründet, dass die Mehrheitsgesellschaft immer lauter und extravertierter wird. Wer kann als einigermaßen feinfühliger Mensch dieser Tage in einen Supermarkt gehen, ohne Gefahr zu laufen, aufgrund des Lautsprechergedudels, der schreiend bunten Werbung und unterschiedlichster Gerüche einer Reizüberflutung zu erliegen?

Überschneidungen von AS, Introversion, HSP

Es gibt ein paar sehr gute Blogs zu Introversion, Hochsensibilität und mindestens ebenso viele hochwertige über Autismus. Warum also ein weiterer?

Auf anderseitig – unverstellt anders möchte ich besonderes Augenmerk auf die Schnittstellen zwischen den genannten neurologischen und psychosozialen Besonderheiten legen. Der Hintergrund ist folgender: Ich bin diagnostizierte Asperger-Autistin, sehr introvertiert und (in Teilbereichen) hochsensibel. Nach dem, was ich in den vergangenen Jahren erfahren habe, ist diese Kombination recht geläufig, bei betroffenen Männern wie Frauen. Entsprechend oft ergeben sich Schwierigkeiten im Alltag und in verschiedenen Lebensbereichen aus der Kopplung autistische Züge (oder Asperger) + Hochsensiblität + Introvertiertheit.

Wenn ich von „uns“ und „wir“ schreibe, ist das eine grobe Verkürzung und Verallgemeinerung. Zum einen kann ich ausschließlich für Asperger- und hochfunktionale Autisten (solche mit frühkindlichem Autismus ohne Intelligenzminderung) sprechen, die aber nur einen Teil der von einer Autismus-Spektrum-Störung Betroffenen ausmachen. Zum anderen und genau genommen auch das nicht, weil Autisten untereinander ebenso verschieden sind wie Menschen ohne Autismus. Das Gleiche gilt für Introvertierte, Hochsensible und diejenigen, die zwar deutliche autistische Züge aufweisen, aber nicht diagnostiziert sind, weil sie entweder die Diagnosekriterien nicht ausreichend erfüllen oder weil sie sich nie einem Diagnoseprozess unterzogen haben.

Wissen ist Macht zur Veränderung

Eine Diagnose anzustreben, kann bei begründetem Verdacht auf Autismus durchaus sinnvoll sein, um Hilfen zu beantragen oder einen Grad der Behinderung feststellen zu lassen. Nicht zu unterschätzen ist die persönliche Klarheit über eigene Besonderheiten und Bedürfnisse. Die Diagnose kann dabei helfen, sich selbst zu erlauben ungesunde Anpassungsstrategien aufzugeben oder so weit zu verändern, dass sie nicht länger zulasten von Gesundheit und Lebensqualität gehen. Bei der Frage nach Authentizität und Konformität lautet die Antwort selten rigoros entweder – oder. Wichtiger ist es, eine individuelle Balance zu finden, unter Umständen auch mit therapeutischer Hilfe.

Auch wenn Introversion und Hochsensibilität – oder eben „nur“ autistische Züge – keine Störung oder Behinderung sind, gilt hier dasselbe Prinzip. Hat man erst mal erkannt, dass man zu diesem Personenkreis zählt, stellt sich bei vielen Betroffenen eine ungeheure Erleichterung ein. Endlich ist klar, dass man nicht verkehrt ist, nur anders.

Mut und Hartnäckigkeit

Um den Schritt von der Selbsterkenntnis zur Veränderung des eigenen Lebens zu gehen, bedarf es zweierlei: Mut und Hartnäckigkeit.

Mut, weil man Gefahr läuft, plötzlich anzuecken, besonders wenn man sich früher sehr unauffällig und angepasst verhielt. Man riskiert, dass Menschen sich von einem abwenden, die man für Freunde hielt. In dem Fall waren sie mit dem Avatar befreundet, den man von sich selbst geschaffen hat. Ob es sich lohnt, diesen Freundschaften nachzutrauern, muss jeder für sich selbst entscheiden. Verändert man sein Verhalten, kann es sein, dass andere hinter vorgehaltener Hand über einen reden, auch darüber sollte man sich im Klaren sein.

Hartnäckigkeit, weil man dem Drang widerstehen muss, in alte, selbstschädigende Muster zurückzufallen. Was ganz sicher passieren wird, besonders am Anfang. Das sollte einen aber nicht davon abhalten, bei nächster Gelegenheit einen neuen Versuch zu starten, für seine Meinung und seine Bedürfnisse einzustehen. Auch wenn es dem einen oder anderen im persönlichen Umfeld missfällt.

Versuche nicht krampfhaft, dein Anderssein zu verbergen. Es macht dich nicht besser oder schlechter als andere, aber es zeichnet dich als den Menschen aus, der du bist. Steh dazu.

Dieser Blog soll dir dabei helfen, mehr über dich und deine Besonderheiten zu erfahren, Mut zur Veränderung zu gewinnen und dich beim Durchhalten bestärken, auch wenn es mal nicht optimal läuft.

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