Schild, 2 Pfeile, Gegenverkehr, Hindernis

Laufen gegen den Strom

Ich bin Bewegungsanarchist. Nicht mit Absicht und aus Protest, sondern rein intuitiv. Wahrscheinlich ist es gut, dass ich kein Auto fahre, wer weiß, ob ich nicht falsch herum in den Kreisel abbiegen würde.

Die meisten Menschen haben einen angeborenen Linksdrall. Meist ohne darüber nachzudenken gehen oder laufen sie entgegen dem Uhrzeigersinn. Um dieser Neigung Rechnung zu tragen, ist bei der Mehrzahl der Supermärkte der Eingang rechts, der Ausgang links gelegen. (Auf Discounter trifft das weniger eindeutig zu, vielleicht sind hier bauliche Gegebenheiten entscheidender.)

Ich gehöre zu den Exoten, die intuitiv rechtsherum laufen, also mit dem Uhrzeigersinn. Etwas, das auf einer Stadionbahn zu Problemen führen würde.

Ja, wo laufen Sie denn?

Dass mein Bewegungsrichtungsverhalten sich von dem der Mehrheit unterscheidet, fiel mir erst im letzten Jahr auf einer Radtour um einen beliebten See am Rande meiner Heimatstadt auf. Ein sonniger Weihnachtsfeiertag im ersten Jahr der Corona-Pandemie, entsprechend viele Leute waren unterwegs, mit mehr oder weniger Abstand.
So weit, so gut. Nur: Warum kamen mir viel mehr entgegen als von mir überholt wurden (oder die mich überholten)? Wieso die mitunter irritierten Blicke anderer Radler? Selbstverständlich fuhr ich auf dem äußeren Ringweg um den See, dem, der für Fahrräder vorgesehen ist. Wobei sich auf beiden Seiten – Radlern wie Fußgängern – längst nicht alle daran halten. Ein Schild, in welche Richtung der See zu umrunden wäre, hatte ich nicht gesehen und natürlich existiert auch kein solches. Wäre ja noch schöner! Hatte ich also ein ungeschriebenes Gesetz missachtet?

In der Folgezeit achtete ich auf das Richtungsverhalten der anderen und siehe da: Ein Großteil der Radfahrer, die meisten Spaziergänger und nahezu alle Läufer ziehen die Bewegung entgegen dem Uhrzeigersinn vor, wann immer sie einen x-beliebigen Ort mehr oder weniger kreisförmig umrunden. Die Wiederholbarkeit dieser Beobachtung spricht gegen einen Zufall. Ob sie mal so, mal andersherum laufen, lässt sich selbstverständlich nicht beurteilen ohne nachzufragen. Ich hege die Vermutung, viele könnten die Frage aus dem Stegreif auch gar nicht beantworten.

Im Stadion immer linksherum

Da mir alltägliche Merkwürdigkeiten wie diese keine Ruhe lassen, recherchierte ich. Dabei kam heraus, dass die Linkslauf-Bestimmung ins Jahr 1913 zurückreicht, in dem sie in das Regelwerk des Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) aufgenommen wurde. In jedem Leichtathletikstadion der Welt wird sie befolgt. Liefe ich auf der Bahn eines Sportstadions, wäre ich mit meinem Abweichlertum zweifellos angeeckt. Da ich aber allein und bevorzugt in wenig frequentierten Gegenden unterwegs bin, keine Sportveranstaltungen besuche oder im Fernsehen verfolge, ist mir das Offensichtliche lange Zeit nicht aufgefallen: Gegen die Uhr lautet das Gesetz. Für jemanden wie mich, für den sich das Laufen mit den Zeigern richtig anfühlt, eine ziemliche Überraschung.

Laufbahn/Sport
Tartanbahn/Laufsport

Aber weshalb lautet die Regel gegen den Uhrzeigersinn und nicht mit ihm?
Hierzu kursieren folgende Theorien:

  1. Anatomische Gründe: Die meisten Menschen sind „Rechtsfüßer“. Aufgrund dessen stoßen sie sich mit dem rechten Bein stärker ab und vermögen daher besser Links- als Rechtskurven zu nehmen. Hinzu kommt das stärkere „Armpendel“, da die meisten Rechtsfüßer zugleich Rechtshänder sind. Ganz schlüssig ist die Behauptung nicht, da der rechte Arm bei Rechtshändern nicht zwingend der kräftigere ist. Da mit der linken Hand die simple, aber anstrengende Haltearbeit geleistet wird, ist die Muskulatur dort teils stärker. Mit dem Bein verhält es sich ähnlich.
  2. Physiologische Erklärung: Beim Linksherumlaufen besteht eine leichte Schräglage, weshalb das Herz weniger pumpen muss. Nun ja, wenn man enge Kreise läuft, mag das zutreffen, aber bezogen auf 400 Meter Innenbahn? Nicht unbedingt überzeugend.
  3. Der Zuschauer ist König: Da die meisten Menschen analog zum Leseverhalten von links nach rechts schauen, können sie ein Rennen in dieselbe Richtung besser verfolgen.
  4. Das war schon immer so: Eine aus der Antike übernommene Tradition. Wagenrennen wurden linksherum geführt, weil die Zügelhaltung in Linkskurven praktikabler war. Aus Gewohnheit wurde dies auf Laufwettbewerbe übertragen und so blieb es bis heute.

Spielt vielleicht alles mit hinein. Als eigentlicher Grund gilt jedoch heute übereinstimmend: Die Regel stammt aus dem englischen Trabrennsport. Anfangs fanden Trabrennen auf öffentlichen Verkehrswegen statt. Um die Gefahr einer Kollision mit entgegenkommenden Fuhrwerken zu minimieren, fuhren die Sulkys auf der kreisförmigen Route linksherum, da Linkskurven bei Linksverkehr nun mal sicherer sind. Die ersten Laufsportler, die auf den inzwischen angelegten Pferderennbahnen antraten, fügten sich der bestehenden Regel. Als führende Sportnation im 19. Jahrhundert gab England das Gebot des Linksherumlaufens vor, die anderen Länder übernahmen es.

Das macht die Sache für den Sport plausibel, erklärt aber noch nicht, warum Spaziergänger diese Richtung ebenfalls bevorzugen.

Händigkeit oder Psychologie?

Der Zusammenhang mit Rechtshändigkeit (siehe oben) liegt nahe, aber so richtig bewiesen ist er nicht. Psychologen und Neurowissenschaftler vermuten einen anderen Zusammenhang. Anhand von Experimenten fanden sie heraus, dass die Fortbewegung linksherum eher konservatives oder sicherheitsbetontes Denken widerspiegelt (z. B. Drehtüren), während die Bewegung mit dem Uhrzeigersinn von Innovationsgeist und Risikobereitschaft zeugt (Glücksräder, Roulett). Ob das so zutrifft, dazu fehlen größer angelegte Studien. Vermutlich machen psychologische Gegebenheiten nur einen von mehreren Faktoren aus. Andernfalls wären die vielen Linksherumgeher allesamt vorsichtige, konservative Gemüter. Ändert sich die Gehrichtung bei schwankender Grundstimmung? Das wäre interessant zu erfahren.

Ich bin seit jeher Rechtshänder. Aber sofern die Örtlichkeit es zulässt, laufe ich ausnahmslos mit dem Uhrzeigersinn, ganz automatisch. Das ist kein Rebellentum, es widerstrebt mir, andersherum zu gehen, ich habe es ausprobiert. Ich betrachte mich als weitgehend vorurteilsfrei. Ich bin kreativ, aber kein bisschen risikofreudig. Entweder stimmt also etwas nicht mit den Studien oder ich unterscheide mich in dieser Hinsicht von der überwiegenden Zahl der Menschen. Ich tendiere zu Letzterem.

Mit diesem Hintergrundwissen im Kopf werde ich weiterhin im Uhrzeigersinn meine Kreise ziehen. Ganz egal, ob ich einen See umlaufe, im weiten Rund über Feldwege oder auf Trampelpfaden durch den Wald trabe. Solange ich mich nicht versehentlich in ein Sportstadion verirre, wird mich auch zukünftig niemand daran hindern.

Hast du schon mal darauf geachtet, in welche Richtung du bevorzugst gehst oder läufst?

Quellen:

https://www.trainingsworld.com/training/koordinationstraining/seitigkeit-haendigkeit-fuessigkeit-drehseitigkeit-2632335)
https://www.fitbook.de/fitness/warum-wird-im-stadion-eigentlich-linksherum-gelaufen
https://karrierebibel.de/uhrzeigersinn/

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