Laptop, Smartphone, Stift, Notizblock

Kommunikation auf Distanz, Teil 3/3: Schreiben offline

Falls du schon etwas älter bist, kennst du vielleicht die freudige Erregung, wenn du eine erwartete (oder auch unerwartete) Nachricht eines Brieffreundes im Kasten vorgefunden hast. Du erinnerst dich an das besondere Gefühl bei dem Gedanken, dass da in der Ferne jemand ist, mit dem du dich austauschen kannst über alle möglichen Dinge, die euch beide beschäftigen und bewegen. Im Verlauf meiner Kindheit und Jugend hatte ich (nicht zur selben Zeit) vier solcher Brieffreundschaften, zu gleichen Teilen Mädchen und Jungen, zwei davon waren englischsprachig. Leider brach der Kontakt zu allen irgendwann ab – vermutlich ganz normal, wenn sich Lebensphasen abwechseln.

Heute schreibe ich – wie wohl ein großer Teil der Menschheit – keine privaten Briefe mehr. Doch noch immer freue ich mich jedes Mal, wenn ich eine an mich gerichtete E-Mail öffne, in dem Wissen, dass sich eine andere Person die Mühe gemacht hat, ihre Gedanken zu verschriftlichen, um sie mit mir zu teilen.

E-Mail

Als dessen Nachfolger entspricht die E-Mail weitgehend dem Brief, weshalb ich auf die handgeschriebene Form auch nicht weiter eingehe. Sie ist (du ahnst es sicher längst) meine bevorzugte Methode zu kommunizieren.

Ist es demnach unproblematisch, eine Konversation per E-Mail zu führen? Mitnichten, jedenfalls nicht für mich. Kaum habe ich die Nachricht zu Ende gelesen, rattert es in meinem Kopf. Bis wann muss ich zurückschreiben? Wie ist der „Tonfall“? Den gilt es zu analysieren, um adäquat antworten zu können. Was erwartet der/die andere? Soll ich Gegenfragen stellen oder führt das zu weit? Wie tief soll ich in einzelne Themen einsteigen? Und so weiter.

Diese Analysetätigkeit plus meinem Selbstanspruch, mich möglichst fehlerfrei und exakt auszudrücken, führen dazu, dass ich für ein Antwortschreiben ziemlich lange brauche. Während ich schreibe, kontrolliere ich, ob ich auf alle vom Gegenüber eingebrachten Punkte eingegangen bin. Streiche Passagen, wenn ich glaube, sie seien zu weitschweifig geraten. Ergänze, was mir zu knapp erscheint. Bin ich endlich fertig, lese ich das Resultat noch mindestens zweimal durch, um Tippfehler und wacklige oder unschöne Formulierungen auszumerzen. Anders als im Chat (Kommunikation auf Distanz, Teil 2/3: Schreiben online) muss ich nicht spontan antworten. Der unmittelbare Stress ist geringer, nur leider wächst dafür der zeitliche Aufwand.

Alles in allem keine einfache Aufgabe. Bis zu ihrer Erfüllung sitzt sie mir im Nacken, soll heißen, sie besetzt Speicherkapazitäten meines Bewusstseins. Je wichtiger die Mail, desto mehr Denk- und Handlungsenergie bindet sie (Stichworte: Zentrale Kohärenz und Exekutive Funktionen). Der Gedanke „Ich muss XY zurückschreiben“ drängelt sich schlimmer nach vorn als eine modewütige Kampfshopperin beim Sonderverkauf im Marken-Outlet. Er unterbricht nicht nur andere Tätigkeiten, er blockiert sie, vor allem, wenn es verwandte Tätigkeiten sind, die irgendwie mit dem Schreiben zu tun haben. Das Notieren der Antwort als To-Do für einen späteren Zeitpunkt hilft nur bedingt. Innerhalb eines gewissen Zeitrahmens (der aber nicht klar definiert ist) eine Antwort zu formulieren, setzt mich unter Druck. So stark, dass ich mitunter gar nicht erst damit anfange. Keine gute Lösung. Allein bin ich damit freilich nicht: Umgekehrt bekam ich schon ziemlich oft nach einer gewissen Zeit keine Antwort mehr, ohne die Ursache zu kennen. Manchmal erhielt ich sie auf Nachfrage, manchmal äußerte sie sich aber auch im schriftlichen Äquivalent des sinnbildlichen Grillenzirpens in älteren Cartoons.

Ich finde es schade, dass einige Unterhaltungen auf diese Weise im Sande verliefen. Der Austausch mit Menschen, die ähnliche Interessen besitzen oder ähnlich „ticken“, ist mir wichtig. Auch wenn mir geringe Dosen reichen. Zudem ist schriftliche Kommunikation – meiner Erfahrung nach – direkter, tiefsinniger und anregender als Face-to-Face-Kommunikation. Einfacher allemal. Keine nonverbalen Signale, die ablenken, kein nerviges Auf-Blickkontakt-Achten. Umso mehr ärgert mich, dass ich den schriftlichen Austausch von Gedanken aufgrund der beschriebenen Schwierigkeiten nicht durchweg als angenehm und bereichernd empfinden kann, obwohl er die Voraussetzungen mehr als jede andere Form der Kommunikation erfüllt.

Kreatives Schreiben

In jede meiner Storys, egal ob lang oder kurz, fließt ein Teil meiner Persönlichkeit mit ein. Das ist bei den allermeisten Autoren der Fall. Dennoch sind es immer nur kleine Anteile, höchst selten befinden sich Schnipsel meiner eigenen Biografie darunter. Daher erwähne ich das literarische Schreiben als Kommunikationsform nur kurz.

Worüber ich mich sehr freue, ist, wenn ich Feedback zu einer Geschichte erhalte. Leider nehmen sich die wenigsten Leserinnen und Leser die Zeit, ein solches zu verfassen. Dabei hilft es gerade neuen, unbekannten Autoren oder solchen, die nicht den Mainstream bedienen, sehr, etwas mehr Sichtbarkeit zu erlangen, sei es auf den großen Verkaufsportalen, sei es auf Literaturseiten wie LovelyBooks.

Daher an dieser Stelle mein Apell: Wenn dir ein Buch gefallen hat, schreib ein, zwei Zeilen und bewerte es auf einem Portal deiner Wahl oder mehreren. Die Großen der Branche sind auf ein Sternchen mehr nicht angewiesen, aber Nischenautoren werden es dir danken. Ohne Feedback bleibt die Kommunikation durch das Schreiben von Geschichten einseitig.

Sowohl das Verfassen fiktiver Geschichten als auch das Bloggen beinhalten Überschneidungen zum Therapeutischen Schreiben. Die Kommunikation dort ist die mit der eigenen Person. Für den vorliegenden Artikel, der sich um die Kommunikation nach außen dreht, ist die zuletzt genannte Form daher unerheblich.

Bloggen

Drei Fragen habe ich mir gestellt, bevor ich mit anderseitig – unverstellt anders begonnen habe (eigentlich waren es deutlich mehr, aber die drehten sich eher um die technische Umsetzung):

Warum teile ich meine Gedanken und Erfahrungen der Welt mit?

Wen soll das interessieren?

Es gibt da draußen Millionen Blogs, muss es ein weiterer sein?

Die letzte Frage ist eher eine rhetorische. Denn sonst würdest du das hier nicht lesen. In meinen (reichlich vorhandenen) Momenten des Zweifels frage ich mich immer wieder, ob ich wirklich so viel Persönliches über mich preisgeben möchte. Oft schmettere ich sie mit der leicht trotzigen Gegenfrage „Warum nicht?“ ab. Anders als vor 30, 40 Jahren sind psychische Auffälligkeiten heute kein absolutes Tabuthema mehr. Entscheidend ist für mich die Trennung von persönlich und privat. Ich erzähle über mich als Person, über meine Besonderheiten, Stärken und Schwächen als introvertierte und hochsensible Asperger-Autistin. Ich schreibe nicht über private, familieninterne Dinge.

Das Warum ist schwieriger zu beantworten. Auf meiner Über-mich-Seite habe ich zu meinen Beweggründen ausführlich Stellung bezogen. In Kurzform: Als psychologisch Interessierter und Betroffener fallen mir immer wieder Überschneidungen von Asperger-Syndrom, autistischen Zügen, Introversion und Hochsensibilität auf. Meines Erachtens handelt es sich um einen verwandten Themenkomplex, dessen Zusammenhänge bisher nicht ausreichend erforscht sind. Neben deutlichen Unterschieden gibt es eine Menge Gemeinsamkeiten.

Ob Störung oder Persönlichkeitsmerkmal – allen davon „Betroffenen“ ist gemeinsam, dass sie häufig gezwungen sind, ihr wahres Sein zu kaschieren, um von anderen Menschen akzeptiert zu werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht gesund ist, sich auf Kosten der eigenen Identität an eine Gesellschaft anzupassen, die in vielerlei Hinsicht selbst alles andere als gesund ist. Indem ich meine Erkenntnisse und Erfahrungen teile, hoffe ich andere dabei zu unterstützen, ihre speziellen Eigenschaften besser zu begreifen und zu ihnen zu stehen.

Ich möchte aufklären über Menschen, die so weit von der Norm entfernt sind, dass ein lapidares „Jeder hat seine Macken“ nicht greift. Indem ich sie in Worte fasse, gelingt es mir, meine Schwierigkeiten und Besonderheiten zu verstehen und einen besseren Umgang damit zu lernen. Vielleicht möchte ich zudem endlich „gesehen“, ernst genommen werden, nachdem viele Probleme lange Jahre heruntergespielt wurden, nicht zuletzt von mir selbst.

Natürlich ist Bloggen eine ziemlich aufwendige, umständliche und auch eher einseitige Variante, sich mitzuteilen.

Aber eine passende. Ich brachte es über 40 Jahre lang nur vereinzelt zuwege, mich unverstellt zu zeigen. Die Menschen, die mich ohne soziale Maske kennen, lassen sich an einer Hand abzählen. Außerhalb meiner Kernfamilie habe ich kaum soziale Kontakte, da ich viel Zeit für mich allein brauche und schwer Zugang zu anderen finde. Dessen ungeachtet möchte ich den Menschen, mit denen ich auf die eine oder andere Weise in Verbindung stehe, meine Art zu sein näherbringen. Einige, die mich zu kennen glauben, werden möglicherweise mit Erstaunen oder Unverständnis reagieren. Damit dient dieser Blog auch der Klärung, für andere wie für mich selbst.

Mir ist bewusst, dass ein solches Outing nicht überall auf Gegenliebe stoßen wird. Eine der am schwersten zu lernenden Lektionen ist die, dass du es niemals allen recht machen kannst und wirst.   

Wer mit diesem Blog nichts anfangen kann, braucht bloß wegzuklicken – so what?

Zu guter Letzt: Wen sollte das interessieren?

Wenn du bis hierher gelesen hast, interessierst du dich wahrscheinlich für die Themen dieses Blogs. Vielleicht bist du selbst in der einen oder anderen Hinsicht betroffen oder vermutest es. Du suchst Erklärungen, warum manche Dinge für dich schwierig sind, die anderen leichtfallen. Vielleicht stößt du mit deiner Art zu sein in deinem Umfeld auf Unverständnis. Oder aber du bist mit jemandem befreundet oder verwandt, der in eine oder mehrere der oben genannten Kategorien fällt (Asperger, autistische Züge, Introversion, Hochsensibilität).

Was immer dich herführte, ich freue mich, dass du hier bist.

Bild: Pexels on Pixabay

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