Smiley auf beschlagenem Fenster

Lächeln um jeden Preis?

„Schau nicht so böse!“

„Lach doch mal!“

„Warum guckst du so traurig?“

„Du siehst so nett aus, wenn du lächelst. Wieso lächelst du nicht öfter?“

Überall dort, wo Menschen zu Feierlichkeiten jeder Art zusammenkommen – von Anlässen wie Beerdigungen und Gottesdiensten mal abgesehen –, bekommt man als eher ernst veranlagtes Individuum diese Sprüche zu hören. Egal ob nett gemeinte Aufforderung oder fieser Seitenhieb, haben sie alle eins gemeinsam: den mehr oder weniger unterschwelligen Vorwurf, warum zum Teufel man nicht so sei und sich so verhalte wie alle. Fröhlich, kontaktfreudig, lächelnd. Dumm nur, wenn das soziale Lächeln nicht so flüssig und automatisch gelingt und man mehr zum Pokerface neigt, positive Grundstimmung und Kontaktbereitschaft hin oder her. Den meisten Menschen fehlt schlechterdings die Vorstellungskraft, dass jemand gut gelaunt sein könnte, obwohl er nach außen hin keine Gemütsregung zeigt. Oder dies so dezent tut, dass es dem oberflächlichen Betrachter nicht auffällt. Egal ob Freunde oder Verwandtschaft – mit durchgehend ernstem Gesicht am Geburtstagstisch sitzen ist ein No-Go, möchtest du nicht alle 5 Minuten gefragt werden, was nicht in Ordnung sei.

Warum wir lächeln

Unsere Gesichtsmimik ist eine der grundlegenden Formen nonverbaler Kommunikation. Im Zusammenspiel mit Körperhaltung und Gestik vermittelt sie binnen Sekunden einen Eindruck, welche innere Haltung Personen zueinander haben. Lächeln bedeutet: Ich bin dir freundlich gesinnt und damit keine Gefahr für dich. Bereits Säuglinge zeigen soziales Lächeln, erstaunlicherweise nicht nur gegenüber vertrauten Personen, sondern auch fremden lächelnden Gesichtern. Das Zurücklächeln ist eine angeborene Eigenschaft, die fast alle Individuen besitzen. Verantwortlich dafür sind u. a. sogenannte Spiegelneurone im Großhirn, die für das Nachahmen von Bewegungen sowie möglicherweise auch für empathische Prozesse wie die Theory of Mind, also die Fähigkeit, Gedanken, Überzeugungen und Beweggründe des Gegenübers zu erkennen und daraus sein Verhalten zu antizipieren, verantwortlich sind.

Bei Menschen mit Autismus ist die Theory of Mind, oft auch kognitive Empathie genannt, nicht oder nur eingeschränkt vorhanden. Hochfunktionale bzw. Asperger-Autisten können diese Form von Empathie bis zu einem gewissen Grad lernen. Das funktioniert dann aber nicht intuitiv, sondern willentlich gesteuert. Betroffenen fällt es schwer, zwischen echter und Schein-Freundlichkeit zu unterscheiden, was dazu führen kann, dass sie leichter Opfer von Betrügern werden als andere Menschen. Oder aber sie entwickeln ein ausgeprägtes Misstrauen — bis hin zur Persönlichkeitsstörung — aufgrund des Wissens um ihre Defizite im Bereich der kognitiven Empathie. Um gleich mit einem gängigen Vorurteil aufzuräumen: Die allermeisten Autisten besitzen sehr wohl affektive oder emotionale Empathie, sind also fähig zum Mitgefühl. Auf dem Onlineportal Heise.de gibt es dazu einen lesenswerten Artikel über eine Autismuskonferenz im polnischen Toruń. Besonders interessant im Kontext Empathie bei Autisten sind die Einleitung sowie der Abschnitt „Verkörperte soziale Kognition“.

Lächeln ist nicht gleich Lächeln

Es gibt sehr unterschiedliche Nuancen, wie Menschen im sozialen Kontext lächeln. Es muss nicht immer auf Sympathie hindeuten, wenn jemand uns anlächelt. Menschen lächeln aus Höflichkeit, weil es sich so gehört, genau wie der Handschlag zur Begrüßung. Nahezu die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühlszustände kann in einem Lächeln mitschwingen (natürlich nicht gleichzeitig). Es gibt mitfühlendes, liebevolles, ermutigendes, spöttisches, boshaftes, triumphierendes, trauriges, blasiertes oder mitleidiges Lächeln als Bestandteil der nonverbalen Kommunikation, und diese Aufzählung ist nicht vollständig. Zum Teil wird das Lächeln gezielt eingesetzt, um etwas zu erreichen, z. B. den Verkauf anzukurbeln. Kunden kaufen lieber bei freundlichen Mitarbeitern statt bei Muffelköpfen, so weit, so einleuchtend. Dass das Hochglanzlächeln der Promis und Models in Magazinen nicht echt ist, darin besteht wohl Übereinstimmung.

Die Augen verraten, ob ein Lächeln gestellt ist. Beim echten Lächeln verengen sie sich ein wenig und es zeigen sich leichte oder auch ausgeprägte Lachfältchen in den äußeren Augenwinkeln. Wie bei Schauspielern zu sehen, lässt sich mit Übung aber auch ein vermeintlich echtes Lächeln nachstellen. Zu erkennen, um welchen Lächel-Typ es sich handelt, kann schwierig sein, erst recht für autistische Menschen.

Lächeln als Ausdruck von Freude

Nicht immer erfüllt Lächeln eine soziale Funktion. Lächeln ist Ausdruck von Freude, für die es keiner Gesellschaft bedarf, wie in dem Satz „still vor sich hinlächeln“. Umgekehrt kann Lächeln die eigene Stimmung heben, da ist sich die Wissenschaft relativ einig. Es schadet also nicht, sich probehalber vor den Spiegel zu stellen, um sich anzulächeln, oder auch ohne Spiegel einmal in sich hineinzulächeln. 

Während das soziale Lächeln für mich als Asperger-Autistin eine Herausforderung darstellt, bedarf das Lächeln aus innerem Antrieb keiner Anstrengung. Ich lächle, wenn ich mich über etwas freue, wenn mich etwas belustigt, wenn ich glücklich bin. Ein Naturerlebnis, eine tierische Begegnung während meiner Laufrunde, wie ein Schmetterling, der eine Weile vor mir her flattert oder eine Entenfamilie, die meinen Weg kreuzt, so etwas bringt mich zum Lächeln. Lächelt mich hingegen eine Person an, die mir entweder fremd oder der gegenüber meine Haltung neutral ist, muss ich erst den Kontext sortieren, um einzuschätzen, ob ich zurücklächeln sollte bzw. möchte. Tue ich es, so ist das kein auf Gefühl oder Intuition basierendes Lächeln, aber dennoch ein ehrliches, mit dem ich der Person meine freundliche Haltung ihr gegenüber vermittele. Aus reiner Höflichkeit lächle ich selten.

Lächeln als Anpassungsleistung

Da ich seit meiner Kindheit für meinen neutralen Gesichtsausdruck Kritik erntete – ich erschien anderen zu ernst, traurig, missmutig, überheblich oder gar böse –, gewöhnte ich mir an, meine Mimik den sozialen Bedingungen anzupassen. Ich bemühte mich, etwas wie heitere Gelassenheit auszustrahlen, übte vor dem Spiegel. Mundwinkel einige Millimeter aufwärts, ganz leicht erhobene Brauen (nicht runzeln!), aufmerksamer, offener Blick.

Für die Maskensaison gewöhnte ich mir ein spezielles Augenlächeln an. Der Trick: Unter der Maske mit geschlossenen Lippen breit grinsen, sodass sich kleine Fältchen in den äußeren Augenwinkeln zeigen. Das funktioniert recht zuverlässig.

Im Rahmen meiner Entwicklung hin zu mehr Authentizität habe ich dieses Anpassungsverhalten stark reduziert. Es zehrt unglaublich viel Ressourcen. Zudem zwingt es dazu, einmal damit begonnen, fortzufahren. Andere halten die Maske für mein normales Ich, was sie glauben lässt, es ginge mir schlecht, wenn ich mal nicht lächle. Heute setze ich es nur noch dann ein, wenn es um zeitlich sehr begrenzte Situationen geht, in denen es wichtig ist, als kompetent und nicht allzu unfreundlich wahrgenommen zu werden, beispielsweise in Gesprächen mit Lehrkräften meiner Kinder. Ich betreibe also nach wie vor Masking, aber (meistens) gezielt.

Masking bezeichnet eine Strategie hochfunktionaler Autistinnen und Autisten, um im Alltag möglichst wenig aufzufallen bzw. in einem nicht-autismusgerechten Umfeld akzeptiert zu werden. Soziale Signale wie Mimik und Gestik oder Sprechweise und Betonung laufen nicht intuitiv ab wie bei Neurotypischen, sondern werden kopiert und einstudiert. Masking kostet viel Kraft und führt nicht selten zu seelischen und körperlichen Langzeitschäden, wenn es über Jahre betrieben wird, was insbesondere bei spätdiagnostizierten Autisten häufig der Fall ist.

Dauerlächeln

Ich habe Schwierigkeiten, mein Lächeln angemessen zu dosieren. Oft kommt es verzögert, weil ich noch mit Analysieren der Situation beschäftigt bin. Oder ich lächle prophylaktisch im Vorfeld, was unter Umständen als anbiedernd oder unterwürfig wahrgenommen wird. Um mir nicht den Kopf über das richtige Timing zerbrechen zu müssen, lächelte ich früher einfach das gesamte Gespräch hindurch. Unbeabsichtigt entwickelte sich daraus ein Dauerlächeln, auch wenn ich mit niemandem sprach, wohl von der unbewussten Sorge getrieben, beim vermeintlich finster Dreinstarren erwischt zu werden. Beim Training der Kinder, Elternabenden, Schulfesten … Immer schaltete es sich ein, nicht willentlich, sondern als Resultat einer Verknüpfung, die mein Gehirn geschaffen hatte. Aufgrund dessen hielt mich fast jeder, der mich nur vom Sehen kannte, für einen kontaktfreudigen Menschen. Das schließe ich daraus, dass ich vergleichsweise häufig angesprochen wurde. Das Problem dabei: In solchen Kennenlern-Situationen fallen mir maximal ein paar einstudierte Small-Talk-Floskeln ein – es sei denn, es geht um ein konkretes Sachthema –, und das merkt mein Gesprächspartner. Meist verebbt eine Unterhaltung, bevor sie richtig begonnen hat.

Gesichtsmuskelkater

Nicht nur, dass andere mich falsch einschätzten, mein „Gesellschaftslächeln“ brachte weitere Probleme mit sich. Seit meinen Zwanzigern leide ich unter Spannungskopfschmerzen, nach den Geburten der Kinder zusätzlich unter Migräne mit bis zu 6 Anfällen im Monat, außerdem unter einer Craniomandibulären Dysfunktion. Erst vor ungefähr 3 Jahren stellte ich fest, dass die Kopfschmerzen sich häufig am frühen Morgen nach einem Elternabend oder einem anderen der oben genannten Anlässe einstellten, nachdem ich mich direkt im Anschluss völlig verspannt und steif gefühlt hatte. Nicht nur Schultern, Nacken usw., auch meine Gesichtsmuskeln hatten sich verkrampft. Mein einstudiertes Lächeln war zum „festgetackerten“ Dauergrinsen mutiert! Eine Maske, die ich mit anhaltenden Schmerzattacken bezahlte. Auch wurde mir bewusst, was manche Irritation in der Vergangenheit ausgelöst hatte. Ich lächelte auch dann, wenn es gar nichts zu lächeln gab.

Lächelnd in den Burn-out

Neben körperlichen Beschwerden wie Verspannungen, Frieren und zunehmender Mattigkeit, die ich während der beschriebenen sozialen Situationen empfand, spürte ich, wie diese mich auch psychisch extrem auslaugten. Es war ja nicht nur das Lächeln, auch angemessener Blickkontakt und Körperhaltung wollten reguliert sein, hinzu kam Small Talk. Ich musste höllisch aufpassen, dass der Inhalt des Gesagten nicht unter all den Dingen, auf die ich mich konzentrierte, unterging, was leider dennoch oft der Fall war. Den nächsten Tag brauchte ich zur Erholung, was mit Familie selten möglich ist. Abends war ich vollkommen erschöpft, lag trotzdem lange wach und konnte nicht durchschlafen.

Ich befand mich in einem autistischen Burn-out, ohne es wahrhaben zu wollen. Schließlich setzte mir mein Körper Grenzen. Zu meiner Migräne und weiteren chronischen Geschehen gesellte sich eine Erkrankung, die mich zwang, jede nicht absolut notwendige Aktivität zu stoppen. Das bedeutete: Zwei Monate praktisch kein kreativer Output, kein Sport, keine Teilnahme an irgendwelchen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Meinen hohen Selbstanspruch musste ich extrem herunterschrauben. Ich ging meinen Spezialinteressen nach und las viel. Dennoch, je mehr ich zur Inaktivität verdammt war, desto mehr kreisten meine Gedanken. In dem Fall war das gut, denn auf diese Weise ging mir schließlich auf, wie sehr ich mich über Jahre und Jahrzehnte überfordert hatte. Ich begann zu akzeptieren, dass mein Energielevel geringer ist als das anderer Menschen und dass Aktivitäten, die andere nebenbei machen, meine volle Aufmerksamkeit und viel Energie benötigen. Ich begann mit regelmäßigen Entspannungsübungen und Meditation, um den tagsüber geleerten Akku wenigstens teilweise wiederaufzuladen und neben dem Geist auch den Körper zu entspannen. Mein Wissen um hilfreiche Verhaltensweisen konnte ich nun endlich für mich selbst anwenden. Dieser Prozess steht noch relativ am Anfang und immer wieder gibt es Rückschläge, aber ich bin froh, endlich einen Zugang zu meinen Bedürfnissen sowie innerliche Akzeptanz meiner Besonderheiten gefunden zu haben.

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in den Dauerlächelmodus zurückfalle. Inzwischen habe ich meine Gesichtsmuskeln jedoch um einiges besser im Griff und bin in der Lage, sie zu entspannen, indem ich bewusst nicht lächle. So erspare ich ihnen schmerzhafte Verspannungen und mir sehr oft die Migräne im Anschluss. Weniger lächeln bedeutet weniger maskieren und das spart Energie.

Die Lächel-Falle

Wenn ein Großteil des täglichen Hin- und Herlächelns auf Konvention beruht, wenn wir wissen, dass der Mann hinter der Wursttheke oder die Verkäuferin im Elektrofachgeschäft eine rein geschäftliche Freundlichkeit zur Schau stellt, warum lächeln fast alle von uns trotzdem so viel? Warum nicht das Lächeln auf die Personen beschränken, mit denen wir familiären oder freundschaftlichen Kontakt haben? Die wir mögen und sei es auch nur im oberflächlichen Sinn? Wollen wir belogen werden? Viele der Menschen, die uns im Alltag anlächeln, kennen uns weder noch hegen sie sonderliche Sympathie für uns. Dabei sind wir Deutschen noch relativ gemäßigte Lächler, in fernöstlichen Ländern ist Lächeln kulturell viel tiefer verankert. Lächeln allein genügt jedoch nicht mehr, der Trend geht zu aufgedrehter Fröhlichkeit. Manche Fernsehsendungen oder YouTube-Videos bombardieren den Zuschauer mit Dauergrinsen, wildem Gestikulieren, Gelächter und Gekicher, sodass man sich unwillkürlich fragt, ob die Vortragenden unter dem Einfluss aufputschender Substanzen stehen oder von ADHS betroffen sind.

Introvertierte, Hochsensible und Autisten können der aufdringlichen Dauerfröhlichkeit meist wenig abgewinnen. Im Gegensatz zur breiten Masse sind uns Information und Inhalt wichtiger als die Art der Präsentation. Wir brauchen auch keine musikalische Untermalung, mit der heute sogar Dokumentarsendungen emotional aufgepeppt werden, um den Durchschnittszuschauer bei der Stange zu halten.

Gegenüber Fremden verhalten wir uns meist abwartend. Wir verschenken unser Lächeln nicht an jeden. Als Hochsensible(r) spüren wir die Diskrepanz zwischen Gesichtsausdruck und wahrer Gefühlslage oder Intention und fühlen uns dadurch nicht selten abgestoßen.   

Warum ist es in dieser Gesellschaft verpönt, eine neutrale Miene zu zeigen? Weshalb setzen viele Zeitgenossen ein unbewegtes Gesicht gleich mit Trauer, Ärger oder Arroganz? Liegt es daran, dass wir in einer zunehmend emotionalisierten Gesellschaft leben, in der die sachliche Auseinandersetzung gering geschätzt wird, da zu langweilig, zu trocken? Entertainment zählt mehr als Fakten, und wahrscheinlich schlägt sich das auch in dem Druck, jederzeit sichtbar „gut drauf“ sein zu müssen, nieder.

Zwei Sätze noch zu geschlechtlichen Rollenbildern: Frauen geraten häufiger in die Lächel-Falle, weil die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen immer noch höher sind als an Männer, wenn es um soziale Dinge geht. Umso schwieriger ist es für diejenigen, die nicht durch Kommunikationsfreude und soziale Kompetenz glänzen, die nicht dauernd lächeln und dadurch als unnahbar und kalt eingeschätzt werden oder bestenfalls als schüchtern.    

Weniger Mimik, weniger Falten?

Als Kind wurde ich häufig älter geschätzt als ich war, was an der Art lag, wie ich redete und worüber, und wohl auch an der weitgehend fehlenden kindlich-fröhlichen Ausstrahlung. Seit ich erwachsen bin, werde ich hingegen jünger eingeschätzt. Es kann sein, dass so etwas mitunter aus Höflichkeit geschieht oder weil man der anderen Person eine Freude machen möchte – aus meiner Sicht albern und unnötig –, aber dafür geschieht es insgesamt zu oft. Möglicherweise führte meine sparsame Mimik dazu, dass entsprechende Falten für mein Alter eher schwach ausgeprägt sind. Da ich heute in der glücklichen Lage bin, allein von zu Hause aus zu arbeiten, ist mein Gesicht die meiste Zeit des Tages entspannt.

An Autisten fällt auf, dass ein Großteil vergleichsweise jung wirkt. Vielleicht liegt es an einer Mischung aus relativ faltenfreiem Gesicht aufgrund weniger ausgeprägter Mimik und einer – im positiven Sinne – naiven Gesamtausstrahlung, die vielen Betroffenen zu eigen ist. Das ist nicht mehr als ein Gedanke, Belege habe ich keine dafür. Solltest du, liebe Leserin, lieber Leser, eine Studie dazu kennen, würde ich mich sehr freuen, wenn du diese in einem Kommentar verlinkst.

Mut zur „Unfreundlichkeit“

Natürlich ist hier nicht gemeint, andere tatsächlich unfreundlich zu behandeln. Viele Menschen irritiert jedoch ein fehlendes Lächeln und sie interpretieren es als Signal der Ablehnung. Darauf reagieren sie dann nicht selten ihrerseits mit (tatsächlicher) Unfreundlichkeit. Leider ist es kaum möglich, mit neutralem Gesichtsausdruck unterwegs zu sein, ohne dass irgendjemand irgendetwas hineininterpretiert. Das liegt an drei Dingen:

  1. Menschen schließen von sich auf andere.
  2. Es ist gesellschaftlicher Konsens, in sozialen Kontexten durch Lächeln eine nicht-feindliche Haltung zu signalisieren. Nichtlächeln wird intuitiv als „potenziell feindlich“ bewertet.
  3. Es ist allgemein wenig bekannt, dass es Menschen gibt, die andere nicht durch soziales Lächeln „spiegeln“ können. Und selbst wenn sie es wissen, können sich viele Leute nicht vorstellen, dass jemand, der ansonsten nach außen hin kaum eingeschränkt wirkt, trotzdem damit Probleme hat, weil ihm das Intuitive fehlt.

Weil sich daran wohl auch in Zukunft kaum etwas ändern wird, kann es für Autisten, aber auch für stark Introvertierte, die ebenfalls weniger auf soziale Reize reagieren, sinnvoll sein, Lächeln als Teil der nonverbalen Kommunikation zu üben, um die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen zu verringern. Gleichwohl sollte sich niemand gezwungen fühlen, aus Angst vor dummen Sprüchen oder gut gemeinten Tipps zu viel Energie auf das Unterfangen zu verschwenden, das perfekte Lächeln zu entwickeln. So intuitiv wie bei Nichtautisten wird es ohnehin in den seltensten Fällen gelingen. Wir müssen mit unserer Kraft gut haushalten, um in der neurotypischen, extravertierten und lächelnden Welt zu bestehen.

Wenn du zu denjenigen gehörst, die sich sehr um Anpassung bemühen und nach sozialer Interaktion immer sehr erschöpft sind, könnte es sinnvoll sein, einmal zu überdenken, ob weniger hier mehr ist. Weniger Anpassung, weniger lächeln (vielleicht nur ein kurzes Lächeln zur Begrüßung), sich weniger zum Blickkontakt zwingen. Dafür auch weniger Stress und mehr Du-selbst-Sein – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Authentizität!     

Quellen:

  • Mythos Spiegelneurone: Spektrum.de (Link)
  • Helmut-Schmidt-Universität Hamburg: Video „Lächeln macht glücklich“ (Link)
  • PDF „Autistisches Burnout“: Autismus Bremen.de (Link)

Foto: Janusz Walczak on Pixabay

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