Maske in Zweigen hängend

Masking

Hochfunktionale Autistinnen und Autisten maskieren ihre autistischen Verhaltensweisen, um im Alltag möglichst wenig aufzufallen bzw. in einem nicht-autismusgerechten Umfeld akzeptiert zu werden. Dazu kopieren sie soziale Signale wie Mimik und Gestik oder Sprechweise und Betonung und studieren diese regelrecht ein. Masking kostet viel Kraft und mündet nicht selten in Depression, Burn-out und chronische körperliche Erkrankungen, wenn es über Jahre betrieben wird, was insbesondere bei spätdiagnostizierten Autisten häufig der Fall ist. Das Gespür für die eigenen Bedürfnisse schwindet und sogar die eigene Ich-Identität kann verloren gehen (Tony Attwood: Autism and camouflaging, März ’22).

Intuition vs. Ratio

Nichtautisten gelingt die für das soziale Miteinander erforderliche Anpassung an Situation und Gegenüber in aller Regel intuitiv. Bei Autisten ist das anders, es ist eine aktive Anstrengung vonnöten, um das eigene Verhalten zu modifizieren. Darüber hinaus ist die Anpassungsleistung ausgeprägter als bei anderen Menschen, weil Vorstellungen, Prioritäten, Empfinden – kurz, die ganze Art zu sein – nicht selten recht weit von dem entfernt sind, was für den Durchschnittsmenschen normal ist, beispielsweise in Bezug auf sensorische Besonderheiten. Auch auf Personen mit psychischen Erkrankungen trifft diese Distanz zum Normalen zu, auch für sie ist das Anpassen mit erheblicher Anstrengung und großem Aufwand verbunden. Umso wichtiger ist es für Betroffene, die Balance zwischen Anpassung und Authentizität zu finden. So viel wie nötig, um nicht ständig anzuecken, so wenig wie möglich, um das eigene Verhalten als Ich-synton, als im Einklang mit dem wahren Selbst, wahrzunehmen.

Bedürfnis nach Gesellschaft vs. sozialer Stress

Bevor ich wusste, warum mich soziale Anlässe derart auslaugen, setzte ich mich diesen kontinuierlich aus, hoffend auf einen Gewöhnungseffekt, der aber nie eintrat. Ich arbeitete in einem Beruf, der ständigen Umgang mit Menschen sowie gutes Multitasking erforderte. Unter der Woche war ich abends so erschöpft, dass ich nur noch aufs Sofa oder ins Bett fiel. Wie die meisten Menschen hatte ich dennoch ein Bedürfnis nach freundschaftlichen Kontakten. Deshalb ging ich am Wochenende auf Partys, die ich nur mit einem wohldosierten Maß an Alkohol ertrug, weil dieser die auf mich einströmenden Reize dämpfte und dabei half, die innere Distanz zu den anderen ein wenig zu verringern, Bekanntschaften zu schließen und sogar, ein paar Freunde zu gewinnen.

Nachdem ich Mutter geworden war, gab ich den Beruf auf. Meine konzentrierte Energie benötigte ich für die Familie. Sehr oft reichten meine geringen Kapazitäten trotzdem nicht aus, sodass ich weiterhin ständig am Rand der Überforderung entlangmanövrierte. Partys oder freundschaftliche Treffen? Ausgeschlossen. Ab und zu Familienfeiern beizuwohnen, verlangt mir schon ein Maximum an Kraft ab. Da keine meiner früheren Freundschaften Bestand hatte – der Kontakt verebbte, mal von meiner, häufiger von der anderen Seite ausgehend –, enttäusche ich niemanden. Die meisten damaligen Freunde würde ich aus heutiger Sicht ohnehin eher als Bekannte einordnen. Vielleicht habe ich irgendwann wieder Energie für Freundschaften übrig, momentan würden sie mich überfordern.

Wenn Soziales Kraft kostet

Der Eintritt meiner Kinder in den Kindergarten und später die Schule brachte eine Vielzahl neuer oberflächlicher Kontakte mit sich. Während der Bring- und Abholsituation, bei Elternabenden, Festen usw. fühlte ich mich genötigt, mein Sozialverhalten anzupassen. Obwohl ich mir – wie immer in sozialen Kontexten – Satzbausteine zurechtlegte, verhaspelte ich mich regelmäßig beim Versuch, diese abzuspulen. Die Verarbeitung der Reize bei gleichzeitiger Informationsaufnahme und Analyse sozialer Signale überfordert offenbar mein Gehirn, was dazu führt, dass mein Sprachzentrum temporär nur eingeschränkt arbeitet. Unter Stress verliere ich mitunter ganz die Fähigkeit zu sprechen oder bringe nur mit größter Mühe einige unpassende oder unzusammenhängende Worte heraus. Als Teenager war ich eine Zeitlang mutistisch.

In welcher Situation auch immer, stets spüre ich eine unüberbrückbare Distanz zwischen mir und anderen Eltern, generell anderen Menschen. Zudem bin ich morgens am aktivsten, danach sinkt mein Energielevel kontinuierlich ab, mit einem kleinen Hoch spätnachmittags, in dem ich kreativ arbeiten kann. Stehen vormittags schulische Termine an, meistere ich sie deutlich besser als zu vorgerückter Stunde. Leider gehen die meisten schulischen Veranstaltungen frühestens gegen 19 Uhr los, dann, wenn ich nur noch eingeschränkt aufnahmefähig und eigentlich bereits im abendlichen Regenerationsmodus bin. Nicht enden wollende Diskussionen um Sachverhalte, die man in meinen Augen erheblich präziser und kürzer klären könnte, ermüden mich zusätzlich und gründlich, sodass ich es kaum mitbekomme, wenn zwischendurch Wichtiges erläutert wird. Zudem gerät mein Tagesablauf durcheinander, der Tag ist für mich verloren. Wenn ich weiß, ich muss abends noch irgendwohin, schaffe ich es nur schwer, mich vorher auf etwas anderes zu konzentrieren.

Die Verpflichtung, „normal“ zu sein – oder wenigstens so zu wirken

Bei aller Anpassung ging es mir weniger darum, was andere von mir hielten, sondern um meine Kinder, denen ich ersparen wollte als diejenigen mit der „komischen Mutter“ zu gelten. Das gelang nicht immer. Inzwischen sind meine Kinder alt genug, sodass es kaum noch eine Rolle spielt.

Lange Zeit dachte ich, trotz der Dauer-Anstrengung, die diese Selbstverpflichtung für mich bedeutete, müsste ich alles mitmachen und aushalten, was Mütter eben so tun. Dabei fühlte ich mich zunehmend schlechter. Nicht nur, dass es an meinen Kräften zehrte, auch die Frage trieb mich um, warum ich keinerlei Vergnügen aus den gemeinschaftlichen Aktivitäten ziehen konnte, die von anderen Müttern und Vätern als Quelle des Austauschs mit Gleichgesinnten gern wahrgenommen werden. Immer mehr erlebte ich mich als defizitär, so als fehlte mir ein spezielles „Geselligkeits-Gen“, das für das reibungslose Miteinander und die Freude an selbigem zuständig ist. Sogar nach Erhalt der Diagnose „F.84.5 Asperger-Syndrom“, erlaubte ich mir nur wenige Ausnahmen. Von klein auf gewohnt, mich in einer neurotypischen Welt zurechtzufinden, die keine Rücksicht auf meine Befindlichkeiten nimmt, konnte ich gar nicht anders als an dem gewohnten Verhalten festzuhalten.

Wie Masking zum Autistischen Burn-out führen kann

Ich habe am eigenen Leib erfahren, was ständiges Masking mit Körper und Seele macht. Daher sehe ich den Anspruch, Autisten – überhaupt Menschen, die anders sind – müssten sich an die Mehrheit anpassen, extrem kritisch. Meist wird dieser Anspruch nicht ausgesprochen, sondern zeigt sich in ausgrenzendem Verhalten, wenn jemand eben nicht der Norm entspricht. Menschen mit unsichtbaren Behinderungen haben es in dieser Hinsicht schwieriger als solche mit offensichtlichen körperlichen Einschränkungen, denen eher Verständnis für ihre speziellen Bedürfnisse entgegengebracht wird. Von hochfunktionalen Autisten jedoch erwarten Kollegen und Arbeitgeber, aber auch Verwandtschaft und Freunde, sie müssten jederzeit so funktionieren wie Neurotypische, nur weil sie es schaffen, die meiste Zeit relativ unauffällig zu sein und normal (oder sogar überdurchschnittlich) intelligent sind. Das erzeugt enormen Druck seitens der Betroffenen, denen suggeriert wird, sie könnten ihren Autismus überwinden, wenn sie sich nur genug anstrengen. Mag sein, dass das nach außen hin gelingen kann, aber wie lange und zu welchem Preis? Willenskraft ist ein zweischneidiges Schwert, wenn sie sich über die körperlichen und psychischen Bedürfnisse hinwegsetzt. Über meinen autistischen Burn-out habe ich in diesem Artikel geschrieben.

Ganz ohne Anpassung geht es nicht

Indem ich mir ein authentischeres Verhalten erlaube, stressen und erschöpfen mich soziale Situationen nicht mehr ganz so stark wie früher, was die anschließende Regenerationsphase verkürzt. Leider gleicht sich der positive Effekt mit zunehmendem Alter aus. Ich merke, dass mein Grundenergielevel abgenommen hat, sodass ich trotz weniger starken Maskings einige Tage zum Erholen benötige, nachdem ich an einer Feier o. Ä. teilgenommen habe. Da ich jedoch höchstens ein- bis zweimal im Jahr bei Feiern oder Musikveranstaltungen zugegen bin, möchte ich wenigstens da mit anderen Menschen in Kontakt kommen, was ohne ein Minimum an Anpassung schwerlich klappt. Für diese paar Stunden „NT-Feeling“ (NT = neurotypisch) zahle ich im Anschluss mit Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen und Migräne für ca. zwei Tage. Ein hoher Preis, den ich nicht immer zu zahlen bereit bin.

Sobald ich das Haus verlasse, lege ich innerlich einen Schalter um. Im Außenmodus bin ich mehr oder weniger bereit, anderen Menschen zu begegnen und je nach Anlass des Hinausgehens auch zu interagieren. Ich wappne mich zu grüßen, in Geschäften oder falls ich Nachbarn begegne. Da ich unter leichter Prosopagnosie („Gesichtsblindheit“) leide, kommen schon mal Unbekannte in den Genuss, von mir angelächelt zu werden. Doch oft überlege ich zu lang, ob ich jemanden kenne, sodass der Zeitpunkt des Anlächelns und Grüßens ungenutzt verstreicht. Den „Stand-by-Modus“, das Dauerlächeln, habe ich mir glücklicherweise abgewöhnt. Sollen mich andere eben für unfreundlich oder zerstreut halten, es kostete zu viel Energie. Außerdem liegt es nicht allein in meiner Verantwortung, ob ein Grußwechsel zustande kommt. Richtet jemand ein Hallo an mich, grüße ich selbstverständlich zurück, und meist erinnere ich mich daran, wenigstens einmal ins Gesicht zu schauen und zu lächeln. Dadurch erhöht sich allerdings das Risiko, dass der andere mit Small Talk anfängt. Fragen à la „Wie geht’s?“ oder das scheußlich-trendige „Alles gut?“  irritieren mich heute noch genauso wie früher, obwohl ich inzwischen weiß, dass in aller Regel keine ehrliche – und schon gar keine ausführliche – Antwort erwartet wird. Fast immer vergesse ich die Gegenfrage zu stellen, es sei denn, das Befinden des anderen interessiert mich tatsächlich.

Grenzen von Masking

Beim Einkaufen stoße ich regelmäßig an meine Grenzen. Die Aufgabe, alles auf der Liste Notierte in Wagen oder Korb zu packen und dabei musikalische Dauerbeschallung, Lautsprecherdurchsagen, Stimmengewirr, Wagengeratter und penetrant dicht stehende und gehende Miteinkäufer zu ertragen, nimmt mich voll in Anspruch. Wenn mich dann jemand anspricht, kriege ich mit Mühe ein „Hallo“ heraus, meist ohne zu erkennen, wer da vor mir steht.

Ebenso wenig kann ich die soziale Maske aufrechterhalten, wenn ich müde oder erschöpft bin – etwas, was auch Nichtautisten gut nachvollziehen können dürften.

Auch wenn ich gerade mit etwas beschäftigt bin, klappt es nicht mit dem Freundlichsein. Über den Gartenzaun ein Gespräch mit Nachbarn, die zufällig vorbeigehen, wenn ich dabei bin, etwas zu pflanzen? Ganz schlechtes Timing. Ich fühle mich gestört und bin verärgert, und auch wenn ich versuche, es mir nicht allzu sehr anmerken zu lassen, spüren das die Leute.

Masking vs. soziale Rolle

Niemand verhält sich jederzeit seinem wahren Selbst entsprechend. Jeder Mensch hat ein gewisses Verhaltensrepertoire in petto, das sich nach dem gesellschaftlichen Kontext richtet, in dem er oder sie sich bewegt. Für die meisten Menschen gilt: Je „offizieller“ eine Rolle, desto mehr ist sie vom wahren Selbst entfernt. Im engsten Familien- oder Freundeskreis dagegen bewegt man sich am ungezwungensten, ist „ganz man selbst“.

Je sensibler und verletzlicher eine Person, desto mehr ist sie darauf angewiesen, sich ein „zweites Ich“ zuzulegen, um ihr wahres Selbst vor Angriffen zu schützen. Hochsensible, introvertierte Personen, die erfahren mussten, dass ihre zurückhaltende Art oft nicht gut ankommt und als Schüchternheit oder Schwäche fehlinterpretiert wird, neigen daher eher dazu, sich ein solches zweites, äußeres Ich zu erschaffen, als Extravertierte mit geringer bis durchschnittlicher Sensibilität (was nicht heißt, dass es nicht auch hochsensitive Extravertierte gibt).

Wo aber verlaufen die Grenzen zwischen alltäglicher Anpassung durch die Übernahme situativer Rollen, Selbstschutz durch ein Avatar-Ich und schädlichem Masking? Leider konnte ich das noch nicht mit Bestimmtheit herausfinden. Sicher ist: Wenn das „falsche Selbst“ die Oberhand gewinnt, wenn man sich täglich entgegen den eigenen Überzeugungen und Bedürfnissen (die man womöglich gar nicht mehr benennen kann), in eine Rolle zwingt, handelt es sich um ungesunde Überanpassung. Vielleicht daran zu erkennen, dass es immer dieselbe, starre Rolle ist, aus der man selbst nicht mehr herausfindet. Stimmen äußeres Handeln und inneres Empfinden dagegen im Wesentlichen überein, gibt man also nicht vor, ein komplett anderer Charakter zu sein, ist es keine schädliche Anpassung. Es kommt lediglich eine bestimmte Seite der eigenen Persönlichkeit zum Tragen.

Gibt es das „wahre Selbst“ überhaupt?

Neben den verschiedenen Rollen, die wir im Alltag einnehmen, bildet das wahre Selbst eine Konstante – sollte man meinen, und viele Menschen empfinden es auch so. Das ist jedoch wenigstens zum Teil eine Illusion, denn das eigene Ich ist veränderlich. Nicht nur das Bild, das man von sich selbst hat, auch persönliche Eigenschaften und unser Blick auf die Welt unterliegen im Verlauf des Lebens einer steten Wandlung, bedingt durch Erfahrungen und Lebensumstände. Manche Charakterzüge verstärken sich mit dem Älterwerden, anderen schwächen sich ab. Gewisse „Macken“ verschwinden oder kommen infolge einer veränderten Lebenssituation erst richtig zum Tragen.

Aus diesen Gründen könnte man anzweifeln, dass es das eine, echte Selbst überhaupt gibt. Diesem Zweifel entgegen stehen indes die eigenen Überzeugungen, Wünsche, Bedürfnisse, Eigenschaften, Fähigkeiten, Stärken und Schwächen … Werden diese ignoriert, weil ein „falsches Selbst“ erschaffen wurde, melden sie sich in Form von negativen Gefühlen wie mangelndem Selbstwertgefühl, Illusionen bis hin zu Größenfantasien, Abhängigkeiten von Personen und Dingen, Daueranspannung, Niedergeschlagenheit und Depressionen zu Wort. Nicht ohne Grund existieren zahlreiche psychologische Modelle, die die menschliche Persönlichkeit anhand eines Bündels von Charaktereigenschaften zu erfassen suchen, z. B. das Big-5-Modell.

Die Kunst, ein gutes, zufriedenes Leben zu führen, liegt möglicherweise eher in der Vermeidung der Ausbildung eines falschen Selbst als darin, jederzeit einem imaginären wahren Selbst zu entsprechen, das so „in Stein gemeißelt“ gar nicht existiert. Je mehr wir im Einklang mit unseren Werten, Gefühlen und Wünschen leben, je mehr wir innere Freiheit und Selbstwirksamkeit erfahren, desto mehr nähern wir uns dem an, was oft recht plakativ und unhinterfragt als wahres Selbst bezeichnet wird.

Quellen

https://tonyattwood.com: Autism and camouflaging, März 2022

Geist und Gegenwart.de: Was könnte das sein, ein wahres Selbst?, März 2016

Bild von Georges Gatto auf Pixabay

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