Warum ich nicht gendere

Dieser Beitrag dreht sich um ein Thema, das mir schon seit Längerem „unter den Nägeln brennt“ (heißt, es beschäftigt mich gedanklich stark). Ich gebe zu, mich nerven Sprechpausen und Sonderzeichen. Sie zerstückeln Wörter und reißen mich aus dem Schreibfluss. Neben verletztem Sprachempfinden hat meine Ablehnung aber auch tiefergehende Gründe.

Um es gleich klarzustellen: Ich spreche und schreibe mich gegen jede Form von Diskriminierung aus, da ich von der Gleichwertigkeit aller Menschen überzeugt bin. Ich nehme mir die Freiheit heraus, meine Webpräsenz sprachlich so zu gestalten, wie ich es als sinnvoll und stimmig erachte.

In meinen Texten verwende ich das generische Maskulinum und beziehe mich damit auf alle betreffenden Personen gleich welchen biologischen und sozialen Geschlechts. In der persönlichen Ansprache schreibe ich „Besucherinnen und Besucher“ meines Blogs und meiner Autorenseite. Hier beginnt die Schwierigkeit: Was ist mit denjenigen, die sich weder der einen noch der anderen Kategorie zugehörig fühlen und die ich nicht sprachlich ausgrenzen möchte? Natürlich könnte ich Asteriske* und Binnen-Is verwenden, denn diese sollen ja sämtliche Geschlechter inkludieren. Genau das schafft das als veraltet und diskriminierend gescholtene generische Maskulinum allerdings ohne komplizierte Sonderzeichen, denn es ist geschlechtsabstrahierend. Das grammatikalische Geschlecht ist eben nicht gleich dem biologischen, sonst besäßen Dinge oder abstrakte Begriffe z. B. ein sächliches Geschlecht (was das Erlernen der deutschen Sprache wesentlich vereinfachen würde).

In meinem Kopf herrscht Gleichberechtigung

Ungeachtet der grammatikalisch männlichen Form habe ich in den meisten Fällen Berufsangehörige beiderlei Geschlechts im Kopf, oft eine konkrete Person. Oder ich denke an Situationen. Lese oder höre ich „Wissenschaftler“, erzeugt mein Hirn ein Bild von Leuten, die in Laborkitteln vor irgendwelchen Versuchsanordnungen herumwuseln, Geschlechtsbezug: null. Sicher, es existieren Berufe, die von dem einem oder anderen Geschlecht dominiert werden. Auch da denke ich gar nicht selten die Ausnahmen (die männliche Hebamme, den weiblichen Baggerführer) automatisch mit, was wohl daran liegt, dass ich mir über so ziemlich alles, was mir im Alltag begegnet, meine Gedanken mache. Dass es nur mir so geht, ist unwahrscheinlich. Sicher gibt es Menschen, denen spontan nur die männliche oder weibliche Form in den Sinn kommt. Hier hat jedoch allein die Diskussion, ob der gängige Sprachgebrauch Frauen – und manchmal auch Männer – unsichtbar mache, einiges bewegt. Darin besteht wohl der eigentliche Nutzen der Idee einer gendergerechten Sprache. Meines Erachtens hätte man es dabei belassen können.

Folgende Gründe sind verantwortlich für meine Entscheidung gegen das Gendern. Die Reihenfolge entspricht der Wichtigkeit, so wie ich sie empfinde.

1. Das Geschlecht wird überbetont, der Blick auf die Unterschiede verstärkt Klischees. Das fördert Diskriminierung, nicht Gleichberechtigung.

Bei vielen Sachverhalten spielt das biologische Geschlecht keine oder eine untergeordnete Rolle. Es gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn die Betrachtung in die Tiefe geht und die Berücksichtigung vielschichtiger Faktoren erfordert – oder aber, wenn es ausschließlich um eben dieses Geschlecht geht. Dann aber bitte differenziert! Denn: Mann, Frau, divers – das sind keine homogenen Gruppen. Eigentlich sollte das klar sein, dennoch verstärken diese Schubladen die ohnehin verbreitete Tendenz, sämtliche Frauen, alle Männer, jedweden Menschen ohne klare geschlechtliche Zuordnung „in einen Topf zu werfen“, mit allen dazugehörigen Klischees. Und das, obwohl es innerhalb des jeweiligen Topfes riesige Unterschiede gibt, die oft viel gravierender sind als der Unterschied zwischen den einzelnen Töpfen. Das pauschalisiert und diskriminiert.

Stellen wir uns zur Verdeutlichung zwei Rentner vor, einer männlich, einer weiblich, beide ehemalige Berufsmusiker, beide Kunst- und Literaturliebhaber. Beide kämpfen mit einigen altersbedingten Beschwerden, sind aber fit genug, alleine zu wohnen und ihr Instrument als Hobby weiterzuspielen. Im Alltag sind sie immer wieder von einer Form der Diskriminierung betroffen, die weit verbreitetet ist, aber wenig mediale Aufmerksamkeit erhält, der Altersdiskriminierung. Stellen wir uns weiterhin zwei Mittzwanziger vor, ebenfalls eine Frau und ein Mann, Beauty- und Fitness-Influencer mit großem Interesse für Selbstoptimierung durch Sport und Ernährung. Sie gehen gern auf Partys und verreisen viel. Wer bitte glaubt ernsthaft, dass bei diesen vier Personen das Geschlecht das entscheidende Zuordnungsmerkmal ist? Und solche Fälle gibt es viele.

„Untypische“ Frauen und Männer werden durch die Betonung des Geschlechts unsichtbar gemacht.

Neben Schubladendenken spielt sehr wahrscheinlich auch die Übersexualisierung der Gesellschaft eine Rolle. Während es in den 80ern und 90ern immer mal wieder Trends hin zu Androgynität gab, ist seit etwa der Jahrtausendwende das Gegenteil „in“. Überall begegnet uns eine ausgesprochen maskuline bzw. feminine Selbstdarstellung, in Musikvideos, auf YouTube, aber auch in Medien, die eher mittlere und fortgeschrittene Altersgruppen ansprechen. Die Klischees scheinen eher noch zugenommen zu haben. Eine geschlechtsneutrale Haltung ist, falls gewünscht, offenbar queeren Menschen vorbehalten. Was aber ist mit den Frauen und Männern, denen ihr biologisches Geschlecht schlicht nicht so wichtig ist? Die aber auch nicht zur Gruppe der Diversen gehören? Für die ihr Geschlecht nur eines mehrerer identitätsstiftender Merkmale ist und nicht einmal das wichtigste? Die nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen, wie Männer und Frauen sich zu fühlen haben, wie sie denken, sich kleiden sollen und was ihre Vorlieben und Interessen sind? Sie passen nicht in das Bild einer zwei- bzw. dreigeteilten Art, menschlich zu sein, und verschwinden damit aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

2. Sprachliche Aspekte

Sprache ist mir sehr wichtig. Sternchen und Großbuchstaben inmitten eines Wortes stören den Lesefluss, falsch verwendete Partizipien (siehe nächster Absatz) lenken ab vom Inhalt. Ich bringe es nicht über mich, Sprache derart zu verunstalten. Lese oder höre ich gar künstlich feminisierte Wortmissbildungen wie „Gästin“ oder – noch grotesker – „Menschin“, weiß ich nicht, ob ich gleich einen Lachanfall bekomme oder Magenschmerzen.

Das als vermeintlich elegante Lösung genutzte Partizip Präsens ist in den meisten Fällen grammatikalisch falsch, da es nur die gerade ausgeübte Tätigkeit bezeichnet. Der Begriff „Radfahrende“ ist nur so lange korrekt, wie die betreffenden Personen tatsächlich auf dem Fahrrad sitzen. Zudem handelt es sich bereits bei dem Wort „Radfahrer“ um die Substantivierung einer Tätigkeit. Anders als „Radfahrende“ besitzt es jedoch eine generelle, über den Moment hinausgehende Bedeutung. Ich kann Radfahrer sein, auch wenn ich gerade zu Hause sitze, weil ich statt mit dem Auto stets mit dem Rad zur Arbeit fahre.

Konsequent durchgezogen, muss jedes maskuline Substantiv, jedes bezugnehmende Pronomen gegendert werden. Das hält beim Sprechen wohl niemand auf Dauer durch. Längere Texte werden zur Geduldsprobe für den Leser, weil die Häufung von Genderformen die Verständlichkeit erheblich reduziert. Das führt zur Benachteiligung und Ausgrenzung von Personengruppen, für die die Einfache Sprache eingeführt wurde.

Dort, wo bereits ein alle Geschlechter einschließender Begriff existiert, kann es selbstverständlich sinnvoll sein, diesen auch zu verwenden, zum Beispiel „Belegschaft“, „Lehrkräfte“ usw. Auch um auszudrücken, dass das biologische Geschlecht hier keine Rolle spielt!

3. Erzwungener Wandel gewachsener Sprache

Das von Gender-Befürwortern häufig vorgebrachte Argument, Sprache sei ohnehin fortwährendem Wandel unterworfen, greift nicht. Eine vorgegebene, forcierte Veränderung mit teils dogmatischen Zügen ist kein organischer Prozess. Er weckt unangenehme Assoziationen zum „Neusprech“, der politisch aufgezwungenen Neuordnung wahrgenommener Wirklichkeit mittels Sprache in dem Roman 1984 von George Orwell. Nun leben wir in Deutschland glücklicherweise in einer Demokratie (Menschen, die etwas anderes behaupten, mögen sich bitte einmal die Diktaturen dieser Welt anschauen). Der Kern aber, eine Veränderung der Sprache „von oben herab“, liegt vor. Ein elitärer Teil der Gesellschaft fühlt sich bemüßigt, gesellschaftliche Veränderungen über Sprache umzusetzen, ohne der Bevölkerung Mitspracherecht einzuräumen, in der Absicht, diese „umzuerziehen“. Dass dahinter ein guter Gedanke steht, nämlich die Gleichberechtigung aller Geschlechter, ändert nichts an dem bevormundenden Charakter. Ich halte es für wenig zielführend, wenn nicht kontraproduktiv, wie die sprachliche Neuordnung derzeit von weiten Teilen der Medienlandschaft versucht wird durchzusetzen – offenbar ohne Für und Wider sorgfältig abgewogen sowie die konkrete Umsetzung inklusive der Grenzen des Machbaren und Sinnvollen(!) durchdacht zu haben.

Exkurs: Ticken Frauen und Männer wirklich so verschieden?

Über die Gründe der schlichten dualen Vorstellung „Frauen sind so, Männer so“ ließe sich diskutieren, Bequemlichkeit gehört ebenso dazu wie Berechenbarkeit. Auch lässt sich damit wesentlich besser Geld machen als durch die Hervorhebung des Verbindenden, wie der Erfolg von populärwissenschaftlichen Werken wie Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen (was für ein Schwachsinn!) beweist. Ja, neben den biologischen gibt es psychische Unterschiede – aber nur, solange man Durchschnittswerte, also weitgehend „typische“ Frauen und Männer betrachtet.

Nach Trennendem zu suchen, scheint allerdings spannender zu sein, als Gemeinsamkeiten zu finden. Selbst die Wissenschaft ist gegen diesen Trend nicht immun. So ist zumindest zu hinterfragen, ob sich männliche und weibliche Gehirne wirklich so gravierend voneinander unterscheiden, wie uns oft glauben gemacht wird. Es gibt eine gewisse Varianz von Merkmalen (allen voran die Größe des Gehirns), die jedoch genauso innerhalb der jeweiligen Geschlechtsgruppe existiert, sodass lediglich von einem tendenziellen Unterschied gesprochen werden dürfte. Stattdessen wird verallgemeinert, was das Zeug hält. Zudem wird oft nicht berücksichtigt, was an den in erwachsenen Gehirnen gefundenen Besonderheiten angeboren und was durch Erziehung und Sozialisation bedingt ist. Dabei ist unstrittig, dass die Art, wie wir leben, das Gehirn formt, Stichwort Neuroplastizität.

Hingegen stellen nur wenige Forschungen das Verschiedenheits-Dogma auf den Prüfstand, z. B. eine israelische Studie, auf die dieser Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung Bezug nimmt. Interessant ist auch die Vermutung der Neuropsychologin Gina Rippon, die als Folge der Studienergebnisse einen „Tsunami der Unterschiede“ prophezeit, der dazu führen würde, „… dass die Daten, die zeigen, dass die Gemeinsamkeiten wichtiger sind als die Unterschiede, weiter vernachlässigt werden.“ Genau das geschah dann auch.

Die zentrale Erkenntnis besagter Studie lautet:

Im Gehirn gibt es zwar viele geschlechtsspezifische Unterschiede, aber aus diesen lassen sich keine zwei klar unterscheidbaren Kategorien wie Männergehirn einerseits und Frauengehirn andererseits erstellen. Jeder von uns verfügt über ein individuelles Mosaik dieser Merkmale, die es manchmal häufiger bei Männern oder bei Frauen gibt oder eben bei beiden Geschlechtern vorkommen.

Daphna Joel, Tel Aviv Universität, Israel

Medizin

Ein Bereich, in dem eine differenzierte Betrachtung der Geschlechter tatsächlich wichtig, sogar lebensrettend sein kann, ist die Medizin. Die ersten Lehrstühle für Gendermedizin sind in Vorbereitung. Innerhalb des Medizinstudiums soll sensibilisiert werden für die unterschiedlichen Symptome und das unterschiedliche Ansprechen der Geschlechter auf Behandlungen. Höchste Zeit, denn leider zeigt sich die geschlechtsspezifische Betrachtungsweise vieler Ärzte vor allem in der Tendenz, Beschwerden ungeklärter Ursache auf die Psyche zu schieben, sofern der Patient weiblich ist.

Muss die permanente Nennung des Geschlechts wirklich sein?

In keinem anderen Land wird das Geschlecht einer Person derart hervorgehoben wie in Deutschland, ganz so, als sei es das mit Abstand wichtigste Merkmal, das einen Menschen ausmacht. Der ebenso treffende wie provokante Titel des Artikels von Dr. Nele Pollatschek, „Deutschland ist besessen von Genitalien – Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer“, erschienen im Tagesspiegel im August 2020, trifft in jeder Hinsicht ins Schwarze.

Meine Meinung: Dort, wo die Erwähnung von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, neurologischen Besonderheiten usw. vonnöten ist, um Situationen einzuschätzen, über Zusammenhänge aufzuklären, Hilfebedarf zu prüfen usw. sollen und müssen diese benannt werden. Ansonsten nicht. Durch die Überbetonung des Geschlechts wird der Fokus auf die Unterschiede gelenkt, was Rollenklischees noch verstärkt. Aufgrund der Zuordnung „weiblich“ oder „männlich“ (natürlich ist auch „divers“ mit vielerlei Klischees verbunden) werden die geschlechtstypischen Eigenschaften einer Person in den Fokus gerückt, selbst wenn: a) diese für den gegebenen Zusammenhang gar keine Rolle spielen und b) die oder der Betreffende diese Eigenschaften gar nicht besitzt.

Weniger typische Männer und Frauen fühlen sich nicht angesprochen und ausgeschlossen. Mit „weniger typisch“ meine ich nicht nur stereotype Rollenbilder, sondern Eigenschaften, die nachweislich tendenziell mit einem der biologischen Geschlechter verknüpft sind, so z. B. der Umgang mit Emotionen, das Kommunikations- und Sozialverhalten. Gleichberechtigung und Inklusion gelingen am ehesten, wenn Menschen nicht aufgrund angeborener oder erworbener Merkmale in Schubladen gesteckt werden, denen bestimmte Labels in Form von negativen wie positiven Vorurteilen anhaften. In manchen Fällen können Schubladen eine erste grobe Orientierung ermöglichen, aber die Menschheit ist viel zu zahlreich und vielfältig, als dass sie in zwei oder drei Schubladen passt!

Wie wirken sich Geschlechterstereotypen aus?

Geschlechtsspezifische Stereotypen finden sich überall, in der Werbung, in Seifenopern und Filmen, fiktiven Texten (früher Liebesroman-Heftchen, heute „Chick Lit“), in den (a-)sozialen Medien. Im Supermarkt sind Produkte für Frauen oft teurer als die maskuline Variante. Immer noch werden Mädchen, die „Jungenspiele“ bevorzugen, von Eltern, Verwandten – sogar in manchen Kitas – dazu gedrängt, mit Puppen zu spielen oder in rosa Kleidung gesteckt. Süßigkeitenhersteller produzieren spezielles Naschzeug für Mädchen und Jungen mit entsprechender Farbgebung. Und spätestens in der Pubertät tut der Anpassungsdruck durch die Peergroup sein Übriges. Eine Entfaltung der Persönlichkeit ohne die Bindung an geschlechtsspezifische Rollen ist unter diesem Bombardement von äußeren Einflüssen kaum möglich.

Geschlechterrollen sind nicht durchweg negativ. Sie bieten Kindern und Jugendlichen eine Orientierung während ihrer Entwicklungsphase, erfüllen somit durchaus einen Zweck. Die Gefahr besteht jedoch, dass sich Heranwachsende mit etwas identifizieren und Verhaltensweisen übernehmen, die dem eigenen Wesen fremd sind, um nicht anzuecken oder Spott ausgesetzt zu sein. Sensible Jungen haben es auch im 21. Jahrhundert aufgrund überkommener Rollenbilder schwer, da ihnen z. B. weniger Gefühlsregungen zugestanden werden. Glücklicherweise sind diese Klischees zumindest in der westlichen Welt im Wandel. Doch immer noch assoziieren weite Teile der Gesellschaft Mädchen automatisch mit Sensibilität, Empathie und guten sozialen Fähigkeiten. Jungen müssen abenteuerlustig und sowohl emotional als auch körperlich robust sein. Diese Erwartungshaltung führt dazu, dass Frauen ohne die „typisch weiblichen“ Eigenschaften schräg angesehen und oftmals benachteiligt werden. Eine Frau, die selten lächelt, wird viel eher als unfreundlich eingestuft als ein ernster Mann. Einen Mann, der Gefühle zeigt, nimmt das Umfeld entweder als „mutig“ wahr oder stempelt ihn ab als „Weichei“, wohingegen Tränen bei einer Frau nicht weiter erwähnenswert scheinen. Bei Weitem nicht jede Frau ist multitaskingbegabt, längst nicht jeder Mann sticht durch ausgeprägtes Orientierungsvermögen hervor. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Nachdem die Menschheit es zumindest bis zu einem gewissen Grad geschafft hat, ethnische Zugehörigkeit und Hautfarbe nicht länger als Vorwand für die Zuschreibung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften heranzuziehen, wäre es an der Zeit, dasselbe in Bezug auf die Geschlechtszugehörigkeit zu tun! Jeder Mensch besitzt auch Eigenschaften, die gehäuft bei dem anderen Geschlecht zu finden sind. Jedes Individuum weist eine höchst unterschiedliche Verteilung dieser Eigenschaften auf, und das ist jeder Frau, jedem Mann, jeder diversen Person auch genau so zuzugestehen. Leider scheint sich die Erkenntnis, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen oft geringer sind als die Bandbreite von Wesensmerkmalen innerhalb desselben Geschlechts, nur langsam durchzusetzen, wenn überhaupt. Vor diesem Hintergrund vertieft Gendern die Kluft zwischen den Geschlechtern.

Fazit

Hinsichtlich der Benachteiligung von Frauen ist die Gesellschaft heute deutlich sensibler als noch vor wenigen Jahrzehnten. Vieles ist erreicht, in einigen Bereichen besteht Nachbesserungsbedarf. Vielleicht ist es neben weiteren Gleichstellungsbemühungen allmählich an der Zeit, zu prüfen, ob nicht manche Bestrebungen – wie die Schaffung einer gendergerechten Sprache – über das Ziel hinausschießen. Ist es legitim, gewachsene Sprache zu verkomplizieren und zu verfälschen, nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“? Diejenigen, deren Weltbild auf sexistischen Vorurteilen gegenüber Frauen und Diversen fußt, sei es kulturell, religiös oder individuell begründet, wird man damit nicht erreichen, eher erfolgt eine Trotzreaktion. Und für alle, denen Gleichberechtigung selbstverständlich ist, braucht es keine sprachliche Anpassung. Gendersensible Sprache mag die weibliche Hälfte der Bevölkerung sichtbar machen, schafft aber gleichzeitig den Eindruck homogener, sich gegenüberstehender Gruppen. Lassen sich soziale Missstände durch Veränderung von Sprache abschaffen? Vielleicht geschieht genau das Gegenteil, indem gesellschaftliche Spaltungstendenzen verstärkt werden und erneut bestimmte Bevölkerungsgruppen unsichtbar gemacht werden.

Quellen

https://www.deutschlandfunk.de/hirnforschung-unmoegliche-geschlechtsbestimmung-100.html

https://www.nzz.ch/wissenschaft/biologie/maennliches-gehirn-weibliches-gehirn-ld.1324241

https://taz.de/Gendern-als-Ausschlusskriterium/!5782080/

https://www.tagesspiegel.de/kultur/gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer-4192660.html

Bild von Geralt auf Pixabay

2 Kommentare zu „Warum ich nicht gendere“

  1. Volle Zustimmung! Eins gibt es aber noch anzumerken: Grammatikalisches und biologisches Geschlecht sind zwei verschiedene Dinge. In den meisten europäischen Sprachen gibt es Dinge, die Maskulinum oder Femininum sind, obwohl sie gar kein biologisches Geschlecht haben, weil sie gar keine Lebewesen sind. Ein Tisch hat keinen Sex mit einer Tischdecke! Und es gibt viele Sprachen, die beim grammatischen Geschlecht nicht zwischen „männlich“ und „weiblich“ unterscheiden, sondern nur zwischen belebt und unbelebt oder irgendwas anderem. Oder gar keine Geschlechtsunterschiede machen. Da sind „männlich“ und „weiblich“ dann nur Adjektive, etwa so wie „groß“ und „klein“.

    1. Hallo Jörg,
      vielen Dank für deine Rückmeldung! Es freut mich, zu lesen, dass ich mit meiner Meinung nicht allein dastehe.
      Auf den Unterschied grammatikalisches vs. biologisches Genus habe ich im einleitenden Absatz kurz hingewiesen. Für mich stand nie außer Frage, dass das „zwei verschiedene Paar Schuhe“ sind, aber viele sehen in der Verwendung des generischen Maskulinums eine Ungleichbehandlung von Frauen, die damit unsichtbar gemacht würden.
      Ich denke, in Hinblick auf Gleichberechtigung der Geschlechter gibt es genug andere und wichtigere „Baustellen“, wo man ansetzen müsste, statt an der Sprache herumzumurksen.
      Die sprachliche Aufteilung in belebte und unbelebte Dinge gefällt mir, das wäre so viel besser als die im Deutschen sehr willkürliche Unterscheidung in m/f/n.
      Ganz genau, ich sehe „weiblich“ als eines von vielen Adjektiven, das auf mich zutrifft, ohne dass es meine Identität komplett bestimmt.
      Herzliche Grüße
      Julia

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