Person hält sich Schild mit Fragezeichen vors Gesicht.

Wer bin ich? Persönlichkeitstests im Überblick

Wer sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, kommt um das Thema Persönlichkeitstests kaum herum. Um etwas weiterzuentwickeln, muss man es ja erst mal kennen. Den Gang zum Psychologen braucht man deswegen nicht gleich antreten, es gibt jede Menge Online-Tests. Solche ohne Angabe, auf welchem System sie beruhen, und solche mit klangvollen oder komplizierten Namen.

Um ihre Schlüsse zu ziehen, bombardieren dich einige Tests mit 100 oder gar 200 Fragen. Andere versprechen dir schon nach 20 Antworten oder weniger eine so genaue Einordnung deiner Persönlichkeit, dass es „geradezu unheimlich“ sei. Erinnert ein bisschen an Horoskope, irgendwas passt immer. Wenn’s positiv ist, sowieso (Barnum-Effekt). Genau richtig für die schnelle Charakteranalyse zwischen Frühstück und Zähneputzen. Knallbunt heischt manch ein Charakterquiz um die kostbare Aufmerksamkeit des Ichsuchenden – mit Fragen, so „hip“ und suggestiv, dass man nicht Psychologie studiert haben muss, um zu wissen, worauf die jeweilige Antwort hinausläuft.

Seriosität von Online-Persönlichkeitstests

Trotz des – teils fadenscheinigen – Anstrichs von Wissenschaftlichkeit sollte klar sein, dass ein Großteil dieser Art von Tests der Unterhaltung dienen und nicht dem Zweck, punktgenaue Charaktereinschätzungen zu liefern. Die Suche nach dem eigenen Ich gehört zum Lifestyle. Viele Menschen setzen ihre virtuellen Häkchen in Online-Fragebögen, weil sie ihre (echten oder vermuteten) positiven Eigenschaften bestätigt sehen wollen. Oder einfach zum Spaß. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Um Antworten auf die Frage „Was für ein Mensch bin ich?“ zu finden, benötigst du nicht zwingend einen Persönlichkeitstest – sofern du eine gute Selbsteinschätzung und/oder aufmerksame und ziemlich ehrliche Freunde hast. Da beides aber nicht jedermann und -frau gegeben ist, kann ein Online-Persönlichkeitstest sehr nützlich sein, um blinde Flecken das eigene Ich betreffend aufzudecken. Außerdem macht das Ausfüllen Spaß.

Willst du dich ernsthaft mit deiner Persönlichkeit auseinandersetzen, macht es dementsprechend Sinn, genauer hinzusehen, bevor du dich durch den nächstbesten Fragenkatalog klickst. Welche Tests bieten also Erkenntnisgewinn und sind nicht nur Spielerei?

Es gibt Multiple-Choice-Tests, solche mit Ja-Nein-Antworten und viele, bei denen du den Grad deiner Zustimmung oder Ablehnung auf einer Skala angeben sollst, in der Mitte ein Weder-Noch oder Weiß-Nicht. Einige Tests arbeiten mit doppelten Verneinungen, die zum aufmerksamen Lesen zwingen. Manche sind ziemlich schlecht aus dem Englischen übersetzt und einzelne Fragen führen eher zu verzweifeltem Kopfschütteln statt zu Klarheit darüber, wer du bist.

Grundsätzlich sind umfangreichere Tests genauer, weil falsch verstandene Fragen oder solche, die unentschieden beantwortet werden, bei höherer Gesamtzahl weniger stark ins Gewicht fallen. Gute Tests erfüllen die Gütekriterien für psychologische Testverfahren: Validität (wird tatsächlich das erfasst, was gemessen werden soll?) und Reliabilität (kommt die Messung bei Wiederholung zum selben Ergebnis?). Das dritte Gütekriterium, Objektivität, ist bei Internettests grundsätzlich gegeben – es sei denn, der Verfasser des Fragenkatalogs fremdelt mit bestimmten Charaktertypen. Womit wir erneut bei Suggestivfragen und Lifestyle-Quiz wären.

Die bekanntesten Persönlichkeitstests findest du im Folgenden erläutert – mit Links zu empfehlenswerten Seiten, falls du sofort loslegen willst mit Testen. Zu ernst nehmen solltest du das jeweilige Ergebnis wiederum nicht. Kein anonymer Internettest ist in der Lage, alle Facetten deines Wesens zu erfassen. Und: Falls du unter Ängsten, Zwängen oder verzweifelter Stimmung leidest, such dir bitte unbedingt professionelle Hilfe.

Für eine Persönlichkeitseinschätzung zur beruflichen Orientierung sind bestimmte Tests geeigneter als andere. Du kannst spezielle Berufstests durchführen, auf die ich in diesem Artikel aber nicht eingehe, da der Fokus auf allgemeinen Persönlichkeitstests liegt. Eine Adresse ist der Berufskompass (Link).

Myers-Briggs Typenindikator (MBTI)

Das von Katharine Briggs und ihrer Tochter Isabel Myers ab 1942 entwickelte, 1962 veröffentlichte und bis Anfang der 70er-Jahre mehrfach modifizierte Modell zur Persönlichkeitsbestimmung basiert auf vier Kategorien mit jeweils entgegengesetzten Polen. Eine davon ist die Introversion bzw. Extraversion. Die Begriffe wurden durch den schweizer Psychiater Carl Gustav Jung geprägt, der darin zwei grundverschiedene menschliche Einstellungstypen sah. Insgesamt ist der MBTI stark an Jungs 1921 veröffentlichte Typenlehre angelehnt. Die Übersetzung des Myers-Briggs type indicator aus dem Englischen ist nicht ganz einfach und provoziert oft Missverständnisse.

  1. Interaktion (Extraversion vs. Intraversion): extravertiert vs. introvertiert
  2. Verarbeitung von Informationen und Sinneseindrücken (INtuition vs. Sensing): intuitiv (interpretativ, kreativ) vs. sensitiv (orientiert an konkreten Fakten, Details)
  3. Entscheidungsfindung (Feeling vs. Thinking): nach Gefühl (subjektiv, emotional) vs. durch Nachdenken (rational, logisch)
  4. Lebensstil und Umgang mit Situationen (Judgement vs. Perception): urteilend (entscheidend, strukturierend, konsistent) vs. wahrnehmend (offen für weitere Eindrücke, spontan, flexibel)

Die sich daraus ergebenden 16 Buchstabenkombinationen stehen für 16 Persönlichkeitstypen (ENFJ, INFJ, ESFJ usw.). Unterschieden werden häufig vier Hauptgruppen von Persönlichkeiten (Wächter, Künstler, Idealisten, Rationalisten) mit jeweils vier unterschiedlichen Ausprägungen.

Der MBTI muss sich der Kritik stellen, veraltet, unsicher und nicht ausreichend valide zu sein, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Die einfachen Ja-Nein-Fragen des originalen Fragebogens lassen sich kaum in dieser Ausschließlichkeit beantworten. Je nach individueller Tagesform kann das Resultat ganz unterschiedlich ausfallen. Das Ergebnis beschreibt lediglich einen Prototyp, der die Komplexität der menschlichen Psyche nicht widerspiegelt. Es ist unwahrscheinlich, dass sich jeder Mensch klar einer der 16 Persönlichkeiten zuordnen lässt. Sehr viel naheliegender ist das Vorhandensein eines Kontinuums zwischen den jeweiligen Gegensätzen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die bereits erwähnte schlechte Übersetzbarkeit einiger Begriffe – vermutlich der Hauptgrund, warum der MBTI hierzulande weniger beliebt ist (obwohl eine ganze Reihe von Online-Tests den Myers-Briggs als Grundlage verwenden, siehe der unten verlinkte). In den USA ist er sehr gebräuchlich, insbesondere im nicht-wissenschaftlichen Umfeld. Ich habe ihn hier aufgeführt, weil er ein Klassiker unter den Persönlichkeitstests ist und trotz seiner Schwächen interessante Einblicke in die eigene Psyche bieten kann.

Hier kann man einen Test durchführen, der auf dem MBTI basiert: Link zum Test.

Fünf-Faktoren-Modell (FFM) – die Big Five der Persönlichkeit

Auch das in Westeuropa mit Abstand verbreitetste Messinstrument zur Erfassung der Persönlichkeit, das Fünf-Faktoren-Modell (FFM) bezieht C. G. Jungs Aufteilung in extravertiert und (indirekt) introvertiert mit ein. Nach den Anfangsbuchstaben der Grundkategorien wird es im Englischen häufig als OCEAN-Model of Personality bezeichnet. Es wurde bereits in den 1930-Jahren entwickelt von Gordon W. Allport und Harry S. Odbert. Kontinuierliche Weiterentwicklungen, insbesondere von P. T. Costa, R. R. McCrae sowie Lewis R. Goldberg sorgen für eine hohe Allgemeingültigkeit.

Die Ausprägungs- oder Neigungsgrade der aufgelisteten fünf Faktoren geben Auskunft darüber, wie eine Persönlichkeit angelegt ist. Die meisten Menschen befinden sich irgendwo zwischen den Polen mit einer Neigung zur einen oder anderen Seite. Extreme sind eher selten. Für den Faktor Gewissenhaftigkeit wären das ein an Perfektionismus grenzender Arbeitseinsatz gegenüber Schludrigkeit und Schlendrian. Für den Faktor Verträglichkeit wären es ausgeprägte Kompromissbereitschaft bis hin zur Selbstverleugnung gegenüber einem gegenüber anderen gleichgültigen Egoismus.

  1. Openness to experience (Offenheit für Erfahrungen): Wissbegierde, Interesse an neuen Erfahrungen
  2. Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit): Disziplin, Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit
  3. Extraversion (Extraversion): Geselligkeit, Optimismus; Gegenpol Introversion als Neigung zur Zurückhaltung
  4. Agreeableness (Verträglichkeit): Kooperation, Altruismus und Nachgiebigkeit
  5. Neuroticism (Neurotizismus): emotionale Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit

Das FFM ist das meisterforschte und anerkannteste Instrument in der Persönlichkeitspsychologie. Viele Varianten stehen frei zugänglich zur Verfügung, andere werden im professionellen Kontext verwendet oder müssen kostenpflichtig bestellt werden. Das FFM gilt als sehr valide, reliabel und objektiv. Tests, die auf dem FFM basieren, sind unter anderem: 16-Persönlichkeits-Faktoren-Test (16PF), der sehr umfangreiche NEO-PI-R, NEO-Fünf-Faktoren-Inventar (NEOFFI). Einige davon, z. B. das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP), werden im Personalmanagement verwendet.

Trotz seiner hohen Allgemeingültigkeit ist das Big-Five-Modell nicht ohne Kritik. Probanden könnten das Ergebnis manipulieren, indem sie sozial erwünscht antworten. Dieses Problem betrifft allerdings jeden Selbsttest.

Hier geht es zum Test nach dem Fünf-Faktoren-Modell: Link zum Test.

HEXACO-Persönlichkeitsinventar

Verhältnismäßig neu ist das HEXACO-Persönlichkeitsinventar (HEXACO-PI), das im Jahr 2000 von Kibeom Lee und Michael C. Ashton entwickelt wurde. Es baut auf dem Big-Five-Modell auf und fügt ihm eine sechste Dimension hinzu (hexa = griech. Vorsilbe für sechs): Ehrlichkeit – Bescheidenheit. Zudem ersetzt es die Kategorie Neurotizismus durch den neutraleren Begriff Emotionalität, da sie nicht nur Ängste und Unsicherheiten, sondern auch Empathie und Mitgefühl eines Menschen abbildet.

  1. Honesty-Humility (Ehrlichkeit, Bescheidenheit)
  2. Emotionality (Emotionalität)
  3. EXtraversion (Extraversion)
  4. Agreeableness (Verträglichkeit)
  5. Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit)
  6. Openness to experience (Offenheit für Erfahrungen)

Vom HEXACO-PI existiert mittlerweile eine revidierte Version HEXACO-PI-R. Es gibt sowohl Fragebögen zur Eigen- wie zur Fremdbefragung, zudem Varianten mit 60, 100 und 200 Fragen.

Kritik gibt es hinsichtlich der zusätzlichen sechsten Kategorie „Ehrlichkeit, Bescheidenheit“. Genau genommen waren diese Eigenschaften als Unterpunkte der Dimension „Verträglichkeit“ im Big-Five bereits vorhanden. Indem ihnen nun eine eigene Kategorie zuerkannt wird, gewinnen sie mehr Gewicht gegenüber anderen Unterpunkten, die zuvor gleichwertig waren. Daraus ergibt sich die Frage, ob nicht einige Eigenschaften innerhalb der anderen Kategorien ebenfalls mehr Bedeutung verdient hätten. Zum Beispiel die Kreativität als Unterpunkt der Kategorie Offenheit. Auf diese Weise könnte das Big-Five-Modell immer weiter aufgefächert werden. Nur: Welchen Nutzen hätte das?

Eine durchaus berechtigte Kritik. Das Herauslösen ausgerechnet der speziellen und keineswegs gleichzusetzenden Facetten „Ehrlichkeit“ und „Bescheidenheit“ aus dem Pool „Verträglichkeit“ ohne weitere Differenzierung auch anderer Kategorien erscheint ein wenig willkürlich. Zu begrüßen ist dagegen die Umbenennung des heute durchweg negativ behafteten Begriffs „Neurotizismus“ in „Emotionalität“.

Das HEXACO-PI gilt als valide und gute Ergänzung zum FFM. Ob es dieses etablierte Modell ablösen wird, ist derzeit nicht abzusehen, insbesondere aufgrund der erwähnten Kritik.

Eine deutschsprachige Version des Tests bietet die Plattform Laufbahndiagnostik des schweizer IAP (Institut für Angewandte Psychologie). Zu finden auf der Fragebogenseite (Link) etwa mittig unter „Fragebogen zur Erfassung der Persönlichkeit (HEXACO-PI-R1; 200 Fragen)“. Um den Test durchzuführen, muss man sich (kostenlos) registrieren.

VIA-IS Charakterstärkentest

Der VIA-IS unterscheidet sich von den zuvor erläuterten Persönlichkeitstests, weil er im Sinne der Positiven Psychologie die Stärken und Tugenden eines Menschen misst. Seine Bezeichnung setzt sich zusammen aus dem Begriff „Inventory of Strengths“ und dem Namen des amerikanischen Values-In-Action-Instituts, das ihn 2004 unter der Leitung von Christopher Peterson und Martin Seligman entwickelte.

Mit 240 Fragen und Aussagen, die auf ihr Zutreffen oder Nichtzutreffen einzuschätzen sind, ist der VIA-IS sehr umfangreich. Er erfasst 24 psychologische Stärken, die (in unterschiedlicher Anzahl) den sechs universellen Tugenden Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz zugeordnet werden. Philosophie und Religion hätten im Verlauf der Geschichte diese sechs Kerntugenden hervorgebracht, die allgemeine Gültigkeit besäßen und deren Ausprägung in der Persönlichkeit eines Menschen relativ konstant angelegt sei.

Die sechs Tugenden mit ihren jeweiligen Stärken im VIA-IS:

  1. Weisheit und Wissen: Kreativität, Neugier, Urteilsvermögen, Liebe zum Lernen, Weisheit
  2. Mut: Authentizität, Tapferkeit, Ausdauer, Enthusiasmus
  3. Menschlichkeit: Freundlichkeit, Bindungsfähigkeit, soziale Intelligenz
  4. Gerechtigkeit: Fairness, Führungsvermögen, Teamwork
  5. Mäßigung: Vergebungsbereitschaft, Bescheidenheit, Vorsicht, Selbstregulation
  6. Transzendenz: Sinn für das Schöne, Dankbarkeit, Hoffnung, Humor, Spiritualität

Das Testergebnis zeigt eine Auflistung von der ausgeprägtesten Stärke zur am schwächsten vorhandenen.

Der Test soll Menschen dazu verhelfen, sich ihrer individuellen Stärken bewusst zu werden, um diese auszubauen und ggf. in ihren Lebensentwurf zu integrieren. Er dient weniger dem Ziel, persönliche Schwachstellen zu erkennen. Zur Gültigkeit und Zuverlässigkeit des VIA-IS gibt es nur begrenzte Daten, seine Wissenschaftlichkeit wird von Teilen der Forschung infrage gestellt. Auch die Verbindung der Stärken zu den sechs Tugenden gilt als nicht empirisch bewiesen.

Hier kannst du den Test durchführen: Link zum Test (deutsche Spracheinstellung möglich)

Fazit

Alle vorgestellten Tests erfassen die Persönlichkeit eines Menschen bei sorgfältiger, ehrlicher Beantwortung der Fragen recht gut. Der Myers-Briggs Typenindikator ist der wohl am schwierigsten zugängliche. Spannend kann es sein, Fragebögen verschiedener Modelle durchzuarbeiten, um zu sehen, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede dabei herauskommen.

Obgleich ein Charakter nicht „in Stein gemeißelt“ ist und einzelne Aspekte veränderlich und abhängig von Lebensereignissen und -phasen sind, besitzen manche Merkmale eine durchgängige Konsistenz. Ein Blick durch das Prisma eines Persönlichkeitstests, um das eigene Ich in seine Spektralfarben zerlegt zu sehen, lohnt sich allemal.

Quellen

mitteldeutsches-institut.de/persoenlichkeitstest

lexikon.stangl.eu/2532/big-five-persoenlichkeitsmodell

https://karrierebibel.de/hexaco-modell/

VIA-IS: Informationen zur Interpretation Ihrer Ergebnisse, Universität Zürich, 2015 (pdf)


Foto: Anemone123 auf Pixabay

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