Schneckenhaus, bunte Kiesel

Introversion: Begriffsherkunft

Der Begriff introvertiert ist dem Lateinischen entlehnt. Er setzt sich zusammen aus dem Adverb intro (= herein, hinein) und dem Verb vertere (= lenken, wenden) und geht zurück auf den schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961). Der Begründer der analytischen Psychologie stellte fest, dass es zwei angeborene „Einstellungstypen“ gibt: Introvertierte und Extravertierte mit jeweils unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt und sich selbst.

Bei Introvertierten richten sich Antrieb und Interesse auf das innere Erleben, auf die eigene Gedanken- und Gefühlswelt und das Verarbeiten von Erfahrenem. Die Aufmerksamkeit Extravertierter ist dagegen nach außen auf das unmittelbare Erleben und das soziale Umfeld gerichtet.

Weiterhin arbeitete Jung vier „psychische Grundfunktionen“ heraus: Denken, Fühlen, Empfinden (Sinneswahrnehmung) und Intuition. Meist überwiegt eine Funktion, woraus sich in Kombination mit Intro- oder Extraversion 8 „psychologische Funktionstypen“ ergeben. Dominiert die vorherrschende Funktion zu stark, verkümmern die übrigen und sinken ins Unbewusste ab.

Jungs 1921 veröffentlichte Typenlehre widersprach damit dem Gleichheitspostulat, nach dem sich Unterschiede in Wesen und Charakter eines Menschen erst im Verlauf der Sozialisation ausprägten. Jungs Konzept ist sehr komplex und kann hier nur grob umrissen werden. Aber auch der oberflächliche Blick veranschaulicht, dass es unterschiedliche Arten von Introversion gibt, je nachdem, welchen sonstigen Zugang eine Person zur Welt hat.

Der stark introvertierte Jung praktizierte selbst das, was viele Introvertierte – bewusst oder unbewusst – als Strategie nutzen, um in einer extravertierten Welt zu bestehen: Er legte sich eine zweite Persönlichkeit zu, die er wie eine Maske aufsetzte, um gesellschaftlich kompatibel zu sein. Jung bezeichnete diesen nach außen gerichteten Persönlichkeitsaspekt, der mal mehr, mal weniger mit dem Selbstbild identisch ist, als „Persona“.

Intro- und Extraversion bleiben aktuell

Obwohl Jungs Funktionstypen als überholt gelten, existieren sie in abgewandelter Form weiter in den zwei ältesten und bekanntesten Persönlichkeitstests, dem Myers-Briggs Typenindikator sowie dem Big-five-Modell (Wer bin ich? Persönlichkeitstests im Überblick).

Introversion und Extraversion als grundlegende Persönlichkeitsmerkmale sind seit Langem fester Bestandteil der Psychologie, wenngleich nicht als streng dichotome Aufteilung in zwei Einstellungstypen wie von Jung angenommen. Viele Menschen lassen sich nicht eindeutig einem Typus zuordnen, sondern verhalten sich je nach Rahmenbedingungen und aktueller Stimmungslage mal extra-, mal introvertiert. Man spricht vom ambivertierten Typus. Extra- und Introversion sind Pole an den entgegengesetzten Enden eines Kontinuums. Die allermeisten Menschen bewegen sich irgendwo im mittleren Bereich mit einer Tendenz in die eine oder andere Richtung. Das ist bei der Mehrheit die extravertierte. Dadurch haben es diejenigen auf der introvertierten Seite im Alltag schwerer als Ambi- oder Extravertierte, die sich die meiste Zeit in ihrem Element befinden. Introvertierte sind gezwungen, in einer Umgebung zu gedeihen, in der ihre Art zu sein weniger gefragt sind. Natürlich gibt es Bereiche, in denen introvertierte Stärken zählen, doch sind sie erheblich weniger zahlreich als die Möglichkeiten, die sich Extravertierten bieten. Bereits in der Schule zählen soziale Fähigkeiten und ein Geschick darin, Wissen zu präsentieren, mehr als gute Noten in Klassenarbeiten.

Mehr zum Thema: Allein statt unter Menschen: introvertiert in einer extravertierten Welt

Ein wenig Buchstabenklauberei: Heißt es extravertiert oder extrovertiert?

Korrekt lautet das Gegenteil von Introversion Extraversion (von lat. extra = außen, außerhalb). Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich – der Introversion folgend – die Variante mit o eingebürgert. Der Duden erlaubt beide Schreibweisen. Man kann sich fragen, warum nicht umgekehrt Extraversion und Intraversion daraus geworden ist. Vielleicht liegt es daran, dass Introversion der geläufigere Begriff ist. Und – noch eine Mutmaßung – weil er die Abweichung kennzeichnet, während die (extravertierte) Norm weniger stark einer Begrifflichkeit bedarf, um sie zu definieren.

Ist Introversion ein Nachteil?

Glaubt man einigen Definitionen von Introversion, könnte man denken, Introvertierte wären irgendwie defizitär oder gestört. Im Dorsch Lexikon der Psychologie heißt es beispielsweise: „Bei Extraversion liegt der Schwerpunkt auf der Umweltaufgeschlossenheit und der Kontaktsuche mit der Umwelt. Bei dem Pol der Introversion handelt es sich um gesteigerte Ichbetonung und mangelnde Beziehung zur Außenwelt.“

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Introvertiertheit gleichgesetzt mit Schüchternheit, Außenseiterstellung und sozialer Inkompetenz. Aufgrund ihrer zurückhaltenden, abwartenden Art wirken Introvertierte nicht selten unnahbar und emotionslos. Mitunter gelten sie als egoistisch und nicht teamfähig. All dies sind Vorurteile, die sich jedoch hartnäckig halten.

Warum?

Anders als Extravertierte behalten introvertierte Menschen ihre Emotionen meist für sich. Unsere auf das Außen und die Gemeinschaft ausgerichtete Gesellschaft erwartet das emotionale „Mitschwingen“ und die Kontaktfreudigkeit ihrer Mitglieder. Es herrscht die Meinung, Menschen suchten grundsätzlich die Nähe anderer Menschen. Auf Introvertierte trifft das nur bedingt zu. Weil sie zudem bestimmte „soziale Schmiermittel“ wie Small Talk oder soziales Lächeln weniger gut beherrschen – und oft auch für unwichtig halten –, wirken sie auf ihr extravertiertes Umfeld andersartig und fremd.

Ausgrenzung und Mobbing sind für Introvertierte keine Unbekannten. Dass sich viele infolgedessen noch weiter zurückziehen, dass sie schüchtern auf Begegnungen reagieren und vielleicht eine soziale Phobie entwickeln, resultiert aus dem Erlebten, hängt also höchstens indirekt mit der Introversion zusammen. Schlechte Erfahrungen im sozialen Umgang miteinander machen selbstverständlich auch Extravertierte, die dann ebenfalls mit verringertem Selbstwertgefühl und Schüchternheit reagieren können. Ihre eigentlich extravertierte Wesensart ist ihnen deswegen nicht mehr anzumerken, weshalb sie fälschlicherweise für introvertiert gehalten werden. Schüchternheit und soziale Ängste sind therapeutisch gut behandelbar. Einen introvertierten Menschen in einen extravertierten zu verwandeln, ist hingegen nicht möglich. Der oder die Betreffende kann sich extravertierte Eigenschaften antrainieren und im Sinne von Jungs Persona eine soziale Maske oder zweites Ich entwickeln, aber im Kern bleibt er introvertiert. Das Social Masking aufrechtzuerhalten, kostet Kraft. Wird die eigentliche, introvertierte Persönlichkeit dauerhaft unterdrückt, kann das zur Folge haben, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist. Auch ein Burn-out ist möglich.

Mehr zum Thema: Allein statt unter Menschen: introvertiert in einer extravertierten Welt

Introversion und Autismus

Der oben zitierte Lexikoneintrag zu Introversion klingt beinahe nach einer Form von Autismus. Und tatsächlich lässt sich starke Introvertiertheit nicht eindeutig vom Asperger-Syndrom unterscheiden. Selbst autismustypische Merkmale wie das starre Festhalten an Routinen oder die Übererregbarkeit des Nervensystems treten nach Hans Jürgen Eysencks Modell von Introversion bei der ausgeprägten Form auf. Der britische Psychologe Eysenck (1916-1997), der durch seine Studien zur Intelligenz und Persönlichkeit bekannt wurde, ging wie C. G. Jung von einer angeborenen Neigung zu Intro- und Extraversion aus. So ist die Amygdala, die für die emotionalen Reaktionen zuständig ist, bei Introvertierten kleiner als bei Extravertierten. Nach Eysenck wird die Persönlichkeit eines Menschen maßgeblich bestimmt durch Ausmaß der Extra- oder Introvertiertheit einerseits und die emotionale Labilität oder Stabilität andererseits. Der antiken Temperamentenlehre folgend ergeben sich daraus auf der introvertierten Seite die melancholische oder phlegmatische Persönlichkeit mit entsprechenden Eigenschaften, während Sanguiniker und Choleriker der Extravertiertheit zugeordnet sind.

In ihrem Vortrag auf dem 4. Autismusforum „rainman’s home“ im Jahr 2011 spricht die Psychologin Brigitte Rollett von einer „weitgehende(n) Ähnlichkeit zwischen ASS (Autismus-Spektrum-Störung) und hochgradiger Introversion als Persönlichkeitsmerkmal auf der Eigenschaftsebene.“ Für eine verlässliche Differenzialdiagnose müssten neurophysiologische Parameter hinzugezogen – also Unterschiede in der Genetik, Neuroanatomie, -chemie und -physiologie – festgestellt werden (Brigitte Rollett, Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik, Universität Wien: Charakteristische Probleme von Menschen mit Asperger-Autismus am Arbeitsplatz und Lösungsvorschläge, pdf, Seite 9-10).

Doch selbst auf physiologischer Ebene finden sich Gemeinsamkeiten: Die Amygdala erwachsener Autisten ist ebenfalls vergleichsweise klein. Daraus ließe sich schlussfolgern, hochfunktionaler Autismus und Introversion seien ein und dasselbe. Dazu muss jedoch angemerkt werden, dass sich die Unterscheidungsschwierigkeiten auf extreme Introversion beziehen. Neben den von Rollett angeführten physiologischen Hinweisen könnte auch das zeitliche Auftreten der Auffälligkeiten Aufschluss geben. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die im Kindesalter beginnt. Um das 3. Lebensjahr herum müssen sich für die Diagnose Asperger-Syndrom erste Auffälligkeiten zeigen (bei frühkindlichen Autisten früher). Bei stark Introvertierten könnten hingegen bestimmte Lebensumstände zu einer Zunahme der bereits vorhandenen Anlage führen. Was jedoch ebenfalls auf Autismus zutrifft.

Gegen die Gleichsetzung von ausgeprägter Introversion und Asperger-Syndrom spricht, dass einige Autisten zumindest sehr extravertiert wirken in der Art, wie sie auf Menschen zugehen und Kontakt suchen. Insbesondere in Kombination mit ADHS zeigt sich häufig ein keineswegs leises und zurückhaltendes, sondern im Gegenteil recht offensives und auf den ersten Blick extravertiertes Wesen. Ob die betreffenden Autisten bei exakter Auslegung des Begriffs auch extravertiert sind, wäre zu überprüfen.

Was zeichnet Introvertierte aus?

Eine ausführliche Schilderung aller Eigenschaften Introvertierter würde an dieser Stelle zu lang geraten, daher folgen stichwortartig nur die wichtigsten Punkte. Nicht alle treffen auf jeden Introvertierten zu, und auch Extravertierte können einige der genannten Eigenschaften aufweisen. Alles hängt ab vom Ausprägungsgrad der Intro- bzw. Extraversion und der individuellen Persönlichkeit.

Stärken

  • eher langsame, dafür um so gründlichere Denkprozesse
  • Sinn für Details, aber auch Blick für Zusammenhänge und das große Ganze
  • eigenständiges, nicht durch Gruppendruck oder „allgemeine Wahrheiten“ beeinflusstes Denken, originelle Lösungsansätze
  • vorurteilsfrei
  • kreativ
  • geduldig, ausdauernd
  • intrinsisch motiviert, nicht auf Lob oder Belohnung von außen angewiesen
  • wissbegierig
  • haben selten ein Problem damit, allein zu sein, brauchen im Gegenteil viel Zeit für sich
  • zuverlässig, verantwortungsbewusst
  • bedächtig: erst denken, dann sprechen oder handeln
  • überprüfen alle verfügbaren Fakten, bevor sie eine Entscheidung treffen
  • sorgfältig
  • gute Zuhörer
  • bescheiden
  • sensibel

Schwächen

  • schnell von sozialen Dingen überfordert
  • schnell reizüberflutet
  • mangelndes Durchsetzungsvermögen, da zu leise und zurückhaltend
  • mangelnde Spontaneität
  • kontaktscheu, gehemmt
  • übervorsichtig, ängstlich
  • entscheidungsschwach, zögerlich
  • grüblerisch
  • nicht multitaskingfähig, schnell gestresst
  • langsam

Neurobiologische Hintergründe. Warum Introversion keine Frage der Erziehung ist.

Wer kennt sie nicht, die sprichwörtlich „vornehme“ Zurückhaltung? Das typisch britische Understatement, das landläufig als Charakterzug jedes Engländers gilt? Dem gegenüber steht der laute, schreiend bunt gekleidete Amerikaner, der anderen leutselig auf die Schulter klopft. Klischees, welche die Zuschreibung von Intro- und Extraversion auf eine ganze Bevölkerung ausweiten. Grobe Verallgemeinerungen mit einem Fünkchen Wahrheit darin – genug, um zu zeigen, dass die Persönlichkeit zu einem gewissen Teil durch die Kultur, in der ein Mensch aufwächst, geformt wird.

Zum weitaus größeren Teil ist die Veranlagung zu Intro- und Extraversion als wesentliche Merkmale der Persönlichkeit jedoch genetisch bedingt. Die Größe der Amygdala wurde oben bereits genannt. Die amerikanische Psychologin Marti Olsen Laney, eine der führenden Autoritäten in der Erforschung von Intro- und Extraversion, geht von Unterschieden in der neuronalen Verarbeitung aus. Sie stützt sich auf Studien zu Zwillingspaaren, die deutliche Hinweise liefern, dass das Temperament eines Menschen weitgehend angeboren und nicht erworben ist.

Introvertierte reagieren sensibler auf den Neurotransmitter Dopamin. Dabei scheint es sowohl eine erbliche als auch eine umweltbedingte Komponente zu geben. Bei Introvertierten reichen geringere Mengen Dopamin aus, um das Gehirn in einen als angenehm empfundenen Erregungszustand zu versetzen. Das könnte erklären, warum sich introvertierte Menschen durch äußere Reize schnell überreizt fühlen, wohingegen Extravertierten ohne Stimulation von außen schnell langweilig wird, etwas, dass schon Eysenck schilderte.

Auf das vegetative Nervensystem bezogen sorgt Dopamin für die Erregungsübertragung beim Sympathikus, der für Aktivität verantwortlich ist. Bei dessen Gegenspieler, dem für Ruhe und Entspannung zuständigen Parasympathikus, ist es das Acetylcholin. Introvertierte fühlen sich durch gesellschaftliche Aktivitäten rasch ausgelaugt, sie schöpfen Kraft aus dem Alleinsein. Bei Extravertierten verhält es sich umgekehrt, sie tanken Energie durch soziale Kontakte. Introvertierte scheinen demnach eher durch den Parasympathikus bestimmt zu werden, Extravertierte durch den Sympathikus.

Sinneseindrücke werden bei introvertierten (und hochsensiblen) Personen in anderen Hirnregionen verarbeitet als bei Extravertierten. Mittels MRT ließ sich nachweisen, dass die entsprechenden Areale stärker durchblutet waren. Insgesamt scheint die Reizverarbeitung bei Introvertierten weniger geradlinig und schnell zu erfolgen als bei Extravertierten. Die „lange Leitung“, die viele Introvertierte bei Gesprächen haben, könnte dort ihren Ursprung haben und mehr als nur sinnbildlich zu verstehen sein.

Websites und Blogs zum Thema Introversion (eine Auswahl):

  • Wanderlust Introvert (Link)
  • Introvertiert.org (Link)
  • Team Introvertiert (Link)
  • Still und sensibel (Introversion & Hochsensibilität) (Link)

Quellen


Foto: ELG21 auf Pixabay