2 Köpfe, Schallwellen

Kommunikation auf Distanz, Teil 1/3: Telefon & Skype

Die Telefongespräche mancher Menschen – vielleicht auch deine? – gleichen einer Wildwasserfahrt. Während die Gespräche aller anderen (anscheinend) elegant den Fluss hinuntergleiten wie ein schnittiges Kajak, holpert es bei Betroffenen als Floß mit Schlagseite von einem Felsen zum nächsten. Es verhakt sich in herumschwimmenden Zweigen, läuft an Untiefen auf Grund. Manchmal kracht es mit Karacho in eine Stromschnelle und ist nicht mehr zu gebrauchen.

Nicht nur Asperger-Autisten stehen mit dem Telefonieren oft auf Kriegsfuß. In dem Beitrag 12 Gründe, warum Kommunikation anstrengend ist schilderte ich, weshalb auch viele Introvertierte und Hochsensible Gespräche als kraftraubend empfinden. Dabei bezog ich mich auf Face-to-Face-Konversation. Wie aber sieht es mit Telekommunikation aus, mit E-Mail, Messenger, Chat, Videoanruf? Nicht zuletzt dem guten alten Telefongespräch? Darum geht es in diesem Artikel. Aufgrund seiner Länge habe ich ihn aufgeteilt in gesprochene Kommunikation (Teil 1) und schriftliche (Teil 2+3).

Telefon

Weil Signale, die durch Körpersprache übermittelt werden, fehlen, lässt sich (noch) schlechter erkennen, wann man mit Sprechen an der Reihe ist. Leicht passiert es, dass man dem anderen ins Wort fällt oder nicht merkt, wenn sich hinter einer vermeintlichen Sachaussage eine Bitte oder ein Einwand verbirgt.

Extrem nervig sind Hintergrundgeräusche, seien es Knistern und Knacken in der Leitung (heute zum Glück nicht mehr so verbreitet), sei es, dass der Gesprächspartner von irgendwo unterwegs anruft und gegen Verkehrslärm anbrüllt. Oder er/sie sitzt gemütlich zu Hause und nebenher laufen Radio oder Fernseher. Oder die Kinder toben herum. Manche Leute besitzen unglaublich gute Wahrnehmungsfilter, die sie in die Lage versetzen, selbst im größten akustischen Chaos seelenruhig Konversation zu machen. Diese Menschen sind mit ziemlicher Sicherheit keine Autisten und auch nicht hochsensibel.

Menschen mit Hyperakusis (Geräuschüberempfindlichkeit bei normaler bis überdurchschnittlicher Hörleistung) bereiten Nebengeräusche bei Gesprächen, selbst dann, wenn sie nicht übermäßig laut sind, Unwohlsein bis hin zu körperlichen Symptomen wie Schwitzen und Herzrasen. Liegt eine Reizfilterschwäche vor wie bei den meisten Autisten, werden alle Laute gleich intensiv wahrgenommen und vermengen sich zu einer einzigen Geräuschmelange. Eins von beidem ist schon schlimm genug, aber häufig kommen beide Faktoren – Hyperakusis und Reizfilterschwäche – zusammen. Bei mir ist das so. Zusätzlich leide ich unter Misophonie, bestimmte Geräusche lösen bei mir Stress aus.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass Betroffene kaum in der Lage sind, unter solchen Umständen ein Telefonat zu führen. Es ist mir ein Rätsel, wie Menschen das schaffen, während ein paar Meter entfernt eine andere Unterhaltung stattfindet. Bei mir vemischt sich das, was ich durchs Telefon höre, mit dem in der Nähe Gesagten. Gleiches gilt für direkte Gespräche. Sich in einem gut besuchten Restaurant, vielleicht noch bei musikalischer Untermalung, entspannt unterhalten? Oder in Bus oder Bahn? Ausgeschlossen. Wenn du den bloßen Wortlaut nur mit Mühe verstehst, reicht die Konzentration nicht mehr aus, ihn zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Deine Aufmerksamkeit driftet weg, allenfalls brummst du noch „Hm, hm“ oder so was.

Stört lediglich die Geräuschkulisse, kannst du anbieten, zu einem günstigeren Zeitpunkt zurückzurufen. Richtig schlimm wird es jedoch, wenn der andere nuschelt oder sehr leise spricht, vielleicht noch mit Dialekt. Wenn du bei jedem Satz nachfragen musst, ist das peinlich und kommt beim Gesprächspartner nicht gut an. Die Bitte, doch mal deutlicher zu sprechen, allerdings auch nicht. Ein Dilemma. Da hilft nur Ehrlichkeit, verbunden mit der Erklärung, man tue sich schwer mit Gesprächen am Telefon.

Anderen Autisten fällt das Telefonieren relativ leicht, gerade weil keine Ablenkung durch Mimik, Gestik und Blickkontakt erfolgt. Meistens aber ist es nur so lange eine Option, wie keine komplizierten Sachverhalte zu besprechen sind und es nur darum geht, schnell etwas abzuklären oder einen Termin zu vereinbaren. Handelt es sich um mehrere oder verschachtelte Anliegen, ist eine E-Mail oft die bessere Wahl.

Tipp: Im Vorfeld mailen und dich im Gespräch, falls ein solches unumgänglich ist, darauf beziehen. Das hilft dir, dein Anliegen umfassend und unmissverständlich vorzubringen. Vorausgesetzt natürlich, der andere hat deine Mail gelesen. Aber selbst wenn nicht, kann er oder sie bei Bedarf nachlesen, daher solltest du unbedingt darauf hinweisen. Für Mehrthemen-Telefonate habe ich mir zur Angewohnheit gemacht, sofort klarzustellen, dass es um mehr als eine Sache geht. Gemäß meiner Erfahrung geht der Angerufene nämlich meist ausführlich auf das eingangs vorgebrachte Anliegen ein, reagiert dann aber überrascht, wenn man ihm oder ihr mit einem weiteren kommt. Das wird dann nur kurz oder sogar leicht unwillig abgehandelt mit oft unbefriedigendem Ergebnis.

Tipp: Mach einen Spickzettel. Was ist dein Hauptanliegen? Schreib alle Fragen und Unterpunkte auf, die dir einfallen, und bring sie in eine sinnvolle Reihenfolge. Falls du sehr unsicher bist, übst du am besten ein- zweimal zumindest den Gesprächsanfang. Nenne dann zuerst das grundsätzliche Thema, aber kündige direkt danach an, dass du mehrere Fragen dazu (oder noch zu einer weiteren Angelegenheit) hast. Hake alle erledigten Punkte ab. So vergisst du in der Aufregung nichts und vermeidest, dass du noch mal anrufen musst. Eine schriftliche Gedankenstütze ist auch dann hilfreich, wenn der andere abschweift. Gegenfragen, mit denen du nicht gerechnet hast, können dich nicht mehr so leicht aus dem Konzept bringen. Etwas, das längst nicht nur Autisten passiert.

Menschen, die ungern telefonieren, schauen grundsätzlich auf die angezeigte Nummer, bevor sie drangehen. Ist diese unbekannt, warten sie darauf, dass der Anrufbeantworter anspringt, um später zurückzurufen. Sicher verfährst du längst so. Falls nicht, probier es aus. Auch wenn du nur 10 Minuten später zurückrufst, macht diese kurze Zeit vielleicht den entscheidenden Unterschied, weil du nun auf Kommunikation eingestellt bist. Mentale Vorbereitung auf ein Gespräch (nicht nur telefonisch), steigert die Chance, es erfolgreich zu meistern.

Um mehr Sicherheit zu gewinnen, empfiehlt sich das Lernen von Floskeln zum Beginnen und Beenden des Telefonats. Menschen, die beruflich viel telefonieren müssen, lernen spezielle Techniken der Gesprächsführung am Telefon. Neben Wortwahl und Strukturierung spielt der Tonfall eine wesentliche Rolle. Beispielsweise sorgt ein Lächeln, auch wenn der andere es nicht sieht, automatisch für einen freundlichere Stimme. Falls du deine Telefontauglichkeit verbessern möchtest, solltest du einen Blick auf entsprechende Seiten riskieren.

In vieler Hinsicht fehlt es an Barrierefreiheit für Menschen, die aufgrund von Telefonangst oder aus anderen Gründen nicht zum Hörer greifen können und deshalb vielleicht sogar wichtige Vorsorgetermine nicht wahrnehmen – zulasten ihrer Gesundheit. Die Möglichkeit der Online-Terminbuchung wird leider längst nicht von allen Arztpraxen oder Behörden angeboten. Es lohnt sich jedoch nachzuschauen. Im Zuge der Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie hat sich im Bereich Online-Buchung einiges getan.

Falls dich private Telefonate trotz Sympathie und ruhiger Umgebung ermüden, wähle einen Zeitpunkt, an dem du ausgeruht bist. Solltest du zu den Frühaufstehern gehören und abends – viele haben nun mal erst dann Zeit – zu ausgelaugt sein, um noch zu telefonieren, schau, ob ihr euch auf das Wochenende einigen könnt. Bist du berufstätig, stehst du unter der Woche eben nicht zur Verfügung oder nur im Notfall. Was natürlich Auslegungssache ist. Mag sein, für deine Schwiegermutter ist es eine Katastrophe, wenn der Hefeteig nicht aufgegangen ist. Hier kommt wieder der Anrufbeantworter ins Spiel.

Eventuell lohnt es sich, deine Freunde und Familie darüber aufzuklären, dass du nicht gern am Telefon redest. Vielleicht ahnen sie das längst. Vielleicht bemühst du dich aber auch jedes Mal, dir nichts anmerken zu lassen, um niemanden zu verletzen. Das kostet dich erhebliche Mühe und Energie, die dir dann für andere Dinge fehlt.

Frag dich, ob du dich weiterhin verstellen willst. Wenn nicht, erkläre – am besten nicht am Telefon –, dass du mit längeren Telefonaten Schwierigkeiten hast und dass das nicht an der anderen Person liegt. Schlag vor, sich zukünftig beim Telefonieren kurz zu halten und sich lieber persönlich zu treffen, sofern die räumliche Distanz es zulässt. Das ist oft entspannter, weil man dabei ruhig mal schweigend dasitzen kann. Bei einem Telefonat ist eine längere Gesprächspause ungünstig. Spätestens nach zehn Sekunden wird zwangsläufig gefragt, ob du noch da seist oder etwas in der Art.

Das zumindest geschieht bei der nächsten Form von Distanz-Kommunikation eher nicht.

Skype & Co

Den Hype um Skype konnte ich schon bei seiner Einführung 2003 nicht nachvollziehen. Da ich nie gern telefonierte, leuchtete mir nicht ein, was sich verbessern sollte, dadurch, dass ich meinen Gesprächspartner nun sehen konnte und umgekehrt. Ich weiß schließlich, wie die betreffende Person aussieht.

Fakt am Rande: Skype Technologies hat das Videotelefonieren nicht erfunden. 1996 wurde der Vorläufer Net2Phone entwickelt, es folgten noch andere Anbieter, aber erst mit Skype fand die Internettelefonie mit Bild massenhafte Verbreitung in privaten Haushalten. Das Markenverb „skypen“ verwende ich daher ohne Bedenken.

Nur mit dem Tun habe ich so meine Schwierigkeiten. Die unscharfe Darstellung sowie die oft suboptimale Übereinstimmung von Bild und Ton verwirren mich derart, dass ich schon mal entnervt aus dem Kamerafeld rücke und gar fluchtartig meinen Platz verlasse. Heute gibt es eine Vielzahl von Anbietern für Videochats und die Qualität hat sich sehr verbessert, aber wenn irgend möglich, vermeide ich Videokonferenzen noch immer.

Nie weiß ich, wohin ich den Blick wenden soll. Betrachte ich mein Miniaturbild, überlege ich noch mehr als üblich, wie ich schauen, wann ich nicken oder lächeln soll. Wie reagiert der andere? Zusammengenommen führen diese Dinge dazu, dass ich nicht alles mitbekomme und meine Fähigkeit zu sprechen zeitweilig einbüße.

Mehrfach fragte ich mich, woher meine Abneigung kommt. Denn wo ich mich auch umhöre – die meisten Leute finden es prima, sich beim Telefonieren anzusehen. Vielleicht, weil nonverbale Kommunikation hier nahezu ebenso gut zum Tragen kommt wie im direkten Kontakt und Menschen ein grundlegendes Bedürfnis haben, sich auf diese Art mitzuteilen? Bedenken bestehen allenfalls darin, sich mit ungekämmten Haaren oder in Joggingklamotten vor die Kamera zu wagen. Meine Aversion geht tiefer. Sie hängt nicht an Äußerlichkeiten; auch „ausgehfertig“ (falls ich mich mal zum Schminken oder Stylen aufraffe) habe ich keine Lust zu skypen.

Folgendes könnte für mein Missbehagen verantwortlich sein: Beim Videoanruf kommen zwei Dinge zusammen, die für mich nicht leicht zu vereinbaren sind. Und zwar zwei unterschiedliche Arten von Präsenz.

Was bedeutet das? Dafür muss ich zuerst meine Definition von Präsenz erläutern:

  1. Psychische Präsenz: mein Aufmerksamkeitsfokus, der entweder auf mir (intern) oder meiner Umgebung (extern) liegt. Beides zugleich ist nur schwer möglich.
  2. Physische Präsenz: der Ort, an dem ich mich befinde. Auch hier gibt es intern (zu Hause, mein sicherer Bereich) und extern (draußen).

Für ein Gespräch muss ich meine Aufmerksamkeit ins Außen verlagern, egal ob Telefon oder Videochat. Gleichzeitig bin ich zu Hause. Das Extern des psychischen Präsenzbereichs verschränkt sich mit dem Intern des körperlichen.

Generell empfinde ich die Anwesenheit nahezu jeder Person, die nicht meiner Kernfamilie angehört, als Eindringen in meinen sicheren Bereich.

Beim Telefonieren öffnet sich lediglich ein Wahrnehmungskanal der anderen Person, deshalb toleriere ich Telefongespräche, aber nicht das Skypen. Denn bei einem Bildanruf sind es zwei Sinneskanäle. Aufgrund seiner zusätzlich zur Stimme optischen/körperlichen Präsenz befindet sich der Gesprächspartner in gewisser Weise bei mir im Zimmer. Er dringt also in meinen sicheren Bereich ein. Jedoch nicht so real wie bei einem echten Besuch, wenn von vornherein klar ist, dass sich mein sicherer Bereich für eine gewisse Zeit auflöst. Ich vermute, mein Gehirn kann die Hybridsituation aus Tele- und direkter Kommunikation nicht zufriedenstellend einordnen. Daraus resultieren mein unsicheres Gesprächsverhalten und die Vermeidungshaltung.

Lies weiter in: Kommunikation auf Distanz, Teil 2/3: Schreiben online

Tefonierst du gern? Findest du Videokonferenzen unkompliziert oder irritieren sie dich wie mich? Schreib es in die Kommentare.

Bild: geralt on pixabay

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